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... einige Zeilen aus dem aktuellen Schreiben (wird zu Monatsbeginn getauscht) |
Bäume im Gleis Früher gab es nur Dörfer. Was die Menschen benötigten, stellten sie sich selbst her. Oder der Schmied, der Wagner, der Gerber, der Schneider taten es. Oder jemand im Nachbardorf. Dann, plötzlich, gab es Städte und die Menschen hatten in ihren kleinen Wohnungen nicht mehr genug Platz für ihre Gewerke, Zeit auch nicht. Und die mit den großen Wohnungen hatten Wege gefunden, daß andere ihnen alles, was sie brauchten, ins Haus trugen und sich dafür mit Papier abspeisen ließen. Danach gab es Städte, in denen sich nicht einmal mehr alle notwendigen Gewerke fanden. Die eine Stadt besaß eine Fabrik für Jacken, die nächste für Hosen, eine dritte Radios, eine vierte für Geschirrtücher. Von allem aber stellten diese Fabriken mehr her, als es Einwohner auf dem Kontinent gab. Maschinen spuckten diese Dinge in Dauerhochfrequenz aus. Eine zeitlang konnte man den ganzen Kram in Leichtbauhallen stapeln, aber die Maschinen schoben immer mehr nach. „Wir müssen den Dreck breitfahren und verkaufen“, sagte ein Fabrikbesitzer, „abbrennen fällt langsam auf!“. Zum Breitfahren standen Pferdefuhrwerke und Dampfrösser auf Schienen zur Verfügung. Was wählen? Das billigste, billiger als Lagerkosten... jemand sagte: „Es gibt doch jetzt auch diese, na? Automobile... wieviele Waggons können die ziehen?“ „Gar keinen! Einen... eine Art Hänger höchstens, vergessen Sie es einfach.“ „Und die Eisenbahn?“ „Hundert... Tausend... die ersten Waggons sind schon in Hamburg, da kannste die letzten noch beladen.“ „Das klingt gut. Das machen wir!“ Am Nachmittag beim Pferderennen trafen sie den Verkehrsminister und sagten ihm: „Paß auf: Schienen! Überall!“ Dann sahen sie „Krokushüfte“ vor „Lavendeleimer“ und „Sternenhusten“ einlaufen, wieder einmal, und als der Verkehrsminister seine Getränke und sein 5-Gängemenü begleichen wollte, reagierte der Ober verdutzt: „Ist doch längst bezahlt!“ Der Minister ließ eine Rede über eine Zukunft voller Schienen und daraus folgender Weltherrschaft schreiben. Sogar das Militär gab etwas Panzerstahl für Schienen ab. Das hatte es weder vorher noch nachher jemals wieder getan.
Es stellte sich heraus, daß in solch einen Waggon sehr viel hineinpaßte. Und in mancher Stadt reichten sie bspw. mit einem Waggon Zahnbürsten eine ganze Weile, der Zug konnte aber hunderte ziehen! So beschloß man an den Knotenpunkten der Gleise zwischen den Zügen Waggons zu tauschen und es entstanden Rangierbahnhöfe. Immer in der Mitte der Stadt, damit die Rangierer es nicht so weit in die Kneipe hatten, in denen sie tanken, aßen und sich gelegentlich mit Frauen -Achtung Wortspiel- arrangierten... Manche Bewohner mochten weder den Rangierlärm noch die Rangierer und bauten ein zweites Zentrum entfernt des Bahnhofs, so daß es heute bei einigen Städten aussieht, als befinde sich der Bahnhof nicht in der Mitte. Dennoch brachen Jahre, Jahrzehnte frohen Rangierens an. Zug rein, Waggon ab, Waggon entladen, Waggon beladen, Waggon wieder dran, Zug los. Dem Muskelmann mit beschädigter Wirbelsäule und Sackkarre folgte bald der Gabelstapler. Die Händler holten ihre Waren am Bahnhof ab oder ließen sie sich von Kleinspediteuren bringen. Fabriken besaßen ein eigenes Gleis. Doch während die Bahnmitarbeiter ihre Uniformen bügelten und wähnten, daß alles im Land durch ihre Finger lief, während ihre Schläfen ergrauten und ihre Hinterköpfe erst gedanken- dann haarlos wurden, trafen sich die jungen Kleinspediteure in eigenen Kneipen und begannen eigene Überlandfahrten zu organisieren. Sie vermochten die Ware von A nach B zu liefern. Nicht von A zum Bahnhof und vom anderen Bahnhof zu B. Wie der Staat den Rangierern die Gleise, baute er den Spediteuren die Straßen -sie hatten den Minister zum Golf gebeten- und als die Spediteure größere Fahrzeuge bekamen, wurden die Straßen verbreitert. Das machte auf dem Land nicht viel aus. In den Städten wurden, diesmal nicht aus der Luft, ganze Häuserreihen gesprengt. „Hier siehts aus, wie nach'n Krieg!“ konnte man nun überall sagen.
Die alten Rangierer gingen in Rente und die neuen brauchten manchmal eine geschlagene Woche bis sie Waren genug für einen Zug beisammen hatten. Die Ware sollte aber am nächsten Tag bei B sein! Noch verzweifelten sie nicht. In ihren Arbeitsverträgen stand etwas von Arbeitszeit nicht von Warenmenge. Die Spediteure zur gleichen Zeit waren emsig, aber wurden nicht reich dabei. Die Autos waren in der Anschaffung teuer und sie schluckten reichlich Diesel. Kosteten Steuern. Und quasi jeder „Waggon“ brauchte einen Fahrer! Doch die letzte Schlacht war noch nicht geschlagen. Wir würde es ausgehen?
2012. Wer heute häufig Zug fährt, sieht in vielen Bahnhöfen 4 oder 6 benutzte, blanke Gleise und eine Vielzahl Gleise, in deren Schotter, Sträucher wachsen, Gräser, Ginster, Goldrute und ganze Bäume. Ahorn, Birke, Robinie. Manchmal eine seltene Blume. Ihr Same war von einem kasachischen Steppenwind in eine Waggenritze geklemmt und an diesem Bahnhof in den Schotter gefallen, hatte dann bei sich beschlossen: Jeder Ort ist ein guter Ort zum Leben! Für jedes zugewachsene Gleis im Bahnhof machten sich zehn Parkplatzanlagen in der Stadt breit. Bordstein, Verbundstein, Rasengitterstein. Manche Parktaschen sind beschriftet, für manche zahlen Menschen sogar Miete. Vierspurige Straßen führen dorthin und an die Laderampen der Kaufhäuser. Manche Liefer-LKWs haben einen eigenen Kran und Stapler dabei. Ich verlasse das Bahnhofsgebäude und schaue auf sechs Spuren Asphalt, warte an einer Ampel oder laufe einen Kilometer zwischen gefliesten Wänden unter der Erde. Die asphaltene Öde oben, die lärmende Leere, das Verbrechen dieser Komplettversiegelung nennen Stadtplaner, die 20km entfernt im Grünen wohnen, geniale Sichtachse! Die fleißigen Spediteure haben entschieden wie unsere Städte aussehen. Gleise sind ein Fortschritt, der hinter uns liegt. Irgendwann werden Parkplatzanlagen Vergangenheit sein. Ich will das noch erleben.
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