heiliges im kopfhörer

Der Nachmittag verschwindet.
Das 24. Dezember-Sonnenlicht geht beiseite, nach hinten, in den Garten, dort kriecht es über den Kompost, flüstert zum Laub, daß wir irgendwann alle nicht besser aussehen.
Das 24. Dezember-Sonnenlicht hechtet sich in den Horizontbrief-schlitz. Abendblau nähert sich. Grau kriecht schlangenträge an den Vorhängen. Grau passiert geputzte Doppelfenster. Der Abend nimmt sich seinem Platz.
15 Uhr 42.

Er heißt Heilig Abend, bei manchen Menschen Dezember-Ausruh-Abend. Seelenbilanz-Abend. Abend des trotzigen: Niemanden-brauch-ich!

Noch einige Stadtbewohner wandern mit umbeutelten Paketen auf den Gehsteigen.
Ihre Mehrzahl jedoch befindet sich bereits am Ziel, in Teppich-Christbaum-Wohnstuben oder wenn nicht am Ziel, das sie verloren, so an einem sicheren Hort. Der besteht aus Unter-schlupf, aus Falschheit, Provisorium oder aus einer neuen Entdeckung. Der blaugraue Abend entfaltet seine Kinder-Schweigen-Schwere.
Ihrer Heiligkeit nicht völlig sicher senken sich Friedens– oder Völlerei–Vorboten ins Haar der Spaziergänger. Aber das wirkliche große Grau, mit etwas Schwarz hält Rast vor der Stadt, legt sich in karge Gräben, friert still wie jemand der ohne jegliches Geräusch weint.

Ein Wanderer in der Stadt trägt Kopfhörer.
In diesen Muscheln vor den Ohren toben Jamai-kas Musiker, zupfen, klopfen, singen für ihn. Der Wanderer wirkt entrückt, hat sein Gerät aber so laut, so leise gestellt, daß ihn die Geräusche der Stadt noch erreichen.
So mischen sich schwere Christenglocken in den Schwung der Karibik. Missionieren umschleicht die sorglosen Palmen.
Spielt weiter, vor allen Du Baßmann in kurzen Hosen. Es sind nur die schweren Glocken auf den alten Türmen. Es sind die angstschweren Glocken auf den schwindelhohen Türmen. Der Wanderer denkt: Behäbig klingen die Glocken, behäbig wie unsere Verschwendung, beharrlich klingen die Christen-Europaglocken, ewig wie unser Wis-sen und Nichtsändern ...
Die Glocken halten lange aus an diesem Abend. Sie dehnen und füllen die Zeit, bringen vergangene Zeit zurück, strecken die Luft in die Breite, in die Öde. Sie befinden sich oben in den Türmen. Von dort ruft keiner mehr:
FEUER!!!

Von diesen Türmen aus sehen wir unsere Kinder und sehen wie sie leben werden. Die soll´n es uns gleichtun, denn wir haben jeden Schritt überlegt. Walkman-Wanderer, davon hast Du keine Ahnung. Wir haben´s durch, alles; heute werden wir gut essen, kommen ja sonst nicht dazu. Ja, Wanderer: Jetzt droht dir der ausdauernde Klang der Glocken mit der Unnachgie-bigkeit harter feiger Väter.
Aber der Wanderer wagt es nicht seine Musik aus Palmen und Lachen und heißen Sand lauter zu stellen. Wissen will er´s schon.

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