Lieber Kinobetreiber, lieber Italiener, liebe asiatische Köche
und Hilde vom Eck,
Ich schreibe Euch heute Zeilen zum Abschied. Ich bin sicher Ihr werdet mich verstehen,
mir weder Geiz noch übertriebene Rührseligkeit vorwerfen. Ich besuchte Euch heute ein letztes Mal, bestellte nichts, hinterlegte keine Euros, gab kein Trinkgeld. Nur diesen Brief warf ich ein, eine Schmälerung des Postgewinns billigend in Kauf nehmend.
Mit meiner Arbeitslosenhilfe war ich ein staatsbürgerlich vorbildlicher Bürger in dem ich meinen gesamten Etat in den Wirtschaftskreislauf einspeiste.
Ab Januar tue ich dies weiter, leider nur noch bei Discounter und Gebrauchtwarenladen.
Das ist Gift für die Konjunktur, habe ich gelesen, ich bin Gift für die Konjunktur. Bin entehrt. Ich weiß, wie man in Japan seine Ehre wieder herstellt, fühle seit heute morgen aber noch keine Kraft ein langes Messer in meinen Eingeweiden zu versenken.
Binnennachfrage heißt das Zauberwort, also im Land was kaufen, Nachfrage ... ja: wer fragt nach mir ... ich will mich nicht beklagen, ich habe ein Dach über dem Kopf, trockene Füße und einen vollen Magen.
Jederzeit werde ich Euch weiter empfehlen, von meinen glücklichen Stunden im Kino berichten, den herrlichen Rigatoni bei Dir Guiseppe, der heißen Wang-Tan-Suppe im Dezember bei Dir Yuang, bei tiefsinnigen und auch manchmal lustigen Dialogen an Deiner Theke Hilde!
Vielleicht ist unser Abschied nicht für immer, es wird wieder Jobs geben, eventuell eine fünfte Fortbildung ... Ich kann anpacken, früh aufstehen, nach vorne schauen, Ärmel hochkrempeln, 100 und mehr Prozent geben. Ich kann auf Urlaub und Weihnachtsgeld verzichten, muß jedoch zugeben, daß ich bei Niedriglohn wieder an Euren Türen vorbei gehe ... und vorbei an der Binnennachfrage.
Aber Arbeiten und aus Erschöpfung sterben nicht besser als aus Langeweile!
Entschuldigt. Ich möchte diesen Brief nicht mit Gedanken an den Tod beschweren.
Durch Eure Türen werden nun andere kommen.
Sie mögen zahlreich sein und sich zu benehmen wissen. Ihr gebt nicht wenig. Euer Tag hat 14 und mehr Arbeitsstunden. Ihr seid die Cremè in diesem Land.
Und ich weiß das, und ich pausiere doch nur.
Mein Vermittler erzählte mir gestern von seinem Urlaub am Suezkanal: Tausende Schiffe, aus dem Indischen Ozean kommend ins Mittelmeer unterwegs, fuhren dort mit deutschen Maschinen beladen quasi Heck an Bug. Hat er mit eigenen Augen gesehen. Nicht nur “Football’s coming home” auch Fabriken kommen heim. Ebenfalls Tausende Schiffe vor der Elbemündung aus China, Thailand, Mexiko, Indonesien. Die warten nur noch auf das richtige Steuersignal. Und über dem Himmel von Berlin: Hunderte Transall-Flugzeuge mit Geräten aus den selben Gegenden, ein Funk und sie landen. Unsere deutschen Maschinen ... kommen alle wieder!
Lieber Kinobetreiber, lieber Italiener, liebe asiatische Köche, und Hilde vom Eck, wir sehen uns bald wieder, es heißt nicht umsonst: Oben geblieben ist noch keine!