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wir waren jung, wir waren frei (sowjetische Besatzungszone 1970-76) 2. Klasse, 8 Jahre alt, wir gehen nach den Schulaufgaben mit der alten Hortnerin hinaus, die sagt, ihr lauft bis da, bis da, bis da ... ein Sandhang genau an der Grenze. Zwei Jungs beginnen dort zu bauen, oh wie sie kreischt: bitte, wenn‘s nicht geht! Marschieren wir! Wir marschieren Waldwege entlang. Auch DDR-Kinder sind deutsche Kinder. Ich erzähle es zu Hause, bekomme Wohnungsschlüssel und Zettel, daß ich nicht mehr in den Hort muß. Ich war jung, ich wußte nicht, daß dem, der marschiert, die Welt offen steht ... 3. Klasse, 9 Jahre alt, ein 1. März, Tag der Armee, Unterricht fällt aus, die Schulklasse fährt auf einen Flugplatz, “jaaaa: keine Schule!” Null Grad, Niesel-Griesel-Schnee-Regen kriecht unter die Jacken, macht unsere Augen zu Schlitzen, da steht das Jagdflugzeug, das für den Frieden! Irgendwo im Westen stehn welche für nur Krieg, Tom Cruise fliegt die, aber den kannten wir damals noch nicht, Ron L. Hubbard auch nicht ... Wir waren jung, wir waren frei, wir froren, wäre an dem Tag Schule nicht doch besser gewesen? das Friedensflugzeug steht so da, Affenkälte, Pilot erzählt was, wir verstehn ihn nicht, wir sehn ihn nicht, der Wind schließt unsere Augen. Wir waren jung, wir waren frei, wir hatten Schulspeisung, gab es Lungenhascheé war ein toter Winkel nötig, nämlich der vom Blick der Lehrerin die Aufsicht hatte ... der Abfallkübel mußte im toten Winkel liegen, es mußte also schnell gehen: “was ich? was ich hier tue? ich wollte es ja essen, aber dann ist mir genau über der Tonne der Teller abgekippt” ... manchmal gabs auch Milchreis, alles war ooch nicht schlecht. 6. Klasse, 12 Jahre alt, Umzug, von Boxberg nach Cottbus, vom Nordrand des Frequenzlochs in den Kreis der Sehenden, nu gucken wir volle Kanne Westen, was der Tag hergibt, Sonntagabend “Bonanza”, Montag gibt es viel zu erzählen, wir stehen auf dem Schulhof beisammen, “Bonanza” fetzt, fetzt heißt soviel wie Cool ohne Ende ... wir sind jung, Oliver steht dabei, liest uns jedes Wort von den Lippen, ahmt die Gesten, Schüsse unsicher nach, wie sollte er es besser können? Vater ist Major bei der Armee, bei Oliver guckt man nicht Westen, und wir jeden Montag auf dem Schulhof: "Peng, Wumm, Zisch, Paff, ... -Pfeilgeräusch-" Oliver lacht etwas mit und weiß doch nicht worüber ... am Ende des Schuljahres fällt niemanden der anwesende Zug in Olivers Gesicht auf, wir erzählen Bonanza nach, die Hofpause ist lang, da schaffen wir die ganze Folge und können einige frühere zum Vergleich heranziehen, und Oliver ruft: “Jaaaa, und wie der dann wieder aufgestanden ist und mit dem Ast ...” er stoppt unserer entsetzten Blicke wegen: “Oliver!” Luft, Himmel, Schule und Fahrradständer verschwinden, im Universum gibt es nur noch unsere Frage: “Oliver?” “... äääääähhh, naja, wir waren gestern abend bei einem Onkel ääääääähhhhhhh zu Besuch.” es klingelt, wir gehen rein: Ja, sicher Oliver ... beim Onkel, klar ...” Wir waren jung, wir waren frei, freier als Oliver. immer noch 6. Kasse, nach der Schule wollen wir Fußball spielen, bißchen Knuffen mit’ner Gummimulle. Lederball war in der Zone Goldstaub. wir gehen runter zur Wendeschleife der Straßenbahn, der bescheuerte Zech aus der 9. kommt, der will jedem der wenigstens drei Jahre jünger ist als er aufs Maul hauen, bloß so, der Arsch wohnt so, daß er den Platz nicht sieht, er muß es riechen, wenn dort jemand ist. Auf dem Schulbolzplatz die Clique vom Fontaneplatz. “Nee, haut ab, wir brauchen keinen der mitspielt, wir sind selber genug.” Wir schießen auf die Wäschestangen vorm Haus. Die Schulze kräht aus dem Fenster: “Geht mal von die Wäschestangen weg, ihr macht alles dreckig” “Aber es hängt doch keine Wäsche?” “Na und? Und Krach macht Ihr wohl keinen!” “Nein, wir schießen ganz leise.” “Weg mit Euch, sonst komm ich runter!” Die DDR ist voll mit Wäschestangen. Der Arbeiter wäscht gern. Denn Friedensarbeit ist saubere Arbeit. Die Frau vom Arbeiter wäscht gern. Wir gehen um den Block herum, schauen auf Balkons und Fenster: guckt keiner raus. Schön, hier können wir spielen. 20 Minuten schaffen wir bis Genosse Schubert den Gehweg lang kommt. Am, selbst für DDR-Verhältnisse häßlichen, Jackett prangt der Kuckuck: “Eh, das ist ein Wäscheplatz und keen Fußballstadion.” “Wo sollen wir denn hin?” “Das interessiert mich doch nicht. Das ist ein Wäscheplatz!” Um diese Zeit gab es im “Eulenspiegel” eine Karikatur, auf der Jacketträger mit Jugendlichen reden, drunter stand: “Und wenn ihr frech werdet, verbieten wir die ganze Jugend!” Wir waren jung, wir waren frei. Und irgendwo gab es ein Land, wo Kinder knuffen durften. 7. Klasse, “Wenn Du weiter so schlechte Leistungen und Betragen hast”, sprach die Lehrerin voller Sorge und ohne Mitgefühl, “nehmen wir dich nicht in die FDJ auf!” Folgende Nacht schlief ich gut. 8. Klasse, das Bemühen der Klassenlehrerin alle in die FDJ zu kriegen, erinnerte schwer an peinliches Gebettel und an die große Not von Nichterfüllung, wenn heute jemand mit solch flehenden Augen agitiert, wie die Lehrerin damals, sagt man: "Was muß der für‘ne fette Provision kriegen, wenn der sich so zum Löffel macht!” Was winkte wohl der Lehrerin als Lohn? Weniger Kloppe? Weniger Aussprache? Eine Woche lang mit weniger Selbstkritik besudelt? Sie war so jung und wir so frei ... |
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