System Schulhof
Schulhof damals
Ich schlenderte über den Schulhof. Mein bester Freund, krank zu hause geblieben, fehlte mir. Ich stellte mich an eine Ansammlung Schüler, in deren Mitte unser versetzungsgefährdeter Kraftprotz mit einem aalglatten Feigling aus der Parallelklasse einen Wettbewerb austrug. Es ging darum, wer etwas zum Angeben vorweisen, wer den Gegenüber verblüffen könne. Beide taten was sie tun mußten. Ehre oder Schande. Unser Kraftprotz zog plötzlich Murmeln aus der Hosentasche! Die glitzerten mehrfarbig und wenn man sie richtig in die Sonne hielt, begriff man, daß diese Murmeln mehrere Universen in sich bargen. Der aus der anderen Klasse blinzelte eine Weile, gähnte - unsere Ungeduld schlug wie Hagelkörner auf ihn ein - dann konterte er selbstbewußt, unbeeindruckt, krisenerfahren mit einer Schachtel Streichhölzer; mit der könne er die ganze Stadt binnen drei Stunden abfackeln. Er öffnete die Schachtel sogar! Drin lagen 5 abgebrannte Hölzer und eines mit rotem Kopf. Zweifellos der Atomsprengkopf. Den folgenden Abend und die ganze Nacht, meine Nase ans Fensterglas pressend, erwartete ich beinahe atemlos einsetzende Sirenen, war bereit, Teil einer Eimerkette zu sein.
Schulhof immer
Ich sehe erwachsene Menschen klein als gedrucktes Bild, riesig auf LEDs, herangewachsen, Politiker, Börsianer, die keine Kinder mehr sind, Wirtschaftslenker, keine Jugendlichen mehr. Bilder von einem Wahlabend: Politiker kreischend, faustballend wie beim Bowling, zehntel Prozente feilschend, zehntel Prozente reitend im Zehntelrodeo. Frauen dabei im Männerdilemma: unter glaseckiger Brille kämpferisch geschminkt erklären sie mit kämpferischer Ringfaust, daß man im zugekämpftem Leben kämpfen muß. Gegen wen, findet sich schon. Gewählt wird emotional, nicht mit dem Kopf. Also fickt die Fakten!
Weitere Bilder: Vertreter von Banken oder Fonds, prozentefeilschend. Prozente am Milliardenkomma. Erster sein, in irgendeiner Liste Erster sein, Höchster, Dickster, Schlankster oder schnellster Virus. Ich lese Bildunterschriften: Es geht niemals um die Bedürfnisse mehrerer Menschen, schon gar nicht um Landschaft, Klima, Kinder, Zukunft - die spielen bloß was! Aber was? Doch Bowling? Poker? Nein, ihre blindeifrige Freude wirkt flacher, wie Flaschendrehen oder Katzequälen.
Ist es überhaupt Freude? Ankunft und Erlösung fehlen. Nein, das ist ein Gesichtskrampf. Tut sicher weh.
Lenker oder abhängige Erwachsene stehen in der Börse, vorm Bundestag, vorm Kongreß, vor Parlamenten, vor Mikrophonen zur Eröffnung einer Mall. Ihre guten Schuhe stehen da. Ihre Zungen spucken umfrageerprobt. Ich kann das Steueraufkommen einer ganzen Stadt verspielen, ohne gegen ein Gesetz zu verstoßen. Na, habt ihr's gesehen. Jemand sauer? Schön. Und jetzt mache ich's gleich nochmal... Bei denen sind nur Arme, Beine und Magen gewachsen. Ein Tumor in ihrem Gehirn, hat Denkfunktionen übernommen, um nicht entdeckt zu werden. Die stehen nicht dort wo ihre Schuhe stehen, die stehen noch auf dem Schulhof. Plötzlich begreife ich, daß der Schulhof die Schule war, die Stunden im Gebäude nur Lametta am Baum. Die Schulhof-Lektion unserer Lenker schallt vierteilig:
Wir sind nicht geboren, um miteinander ein Dasein zu teilen. Eins.
Dinge gehören denen, denen sie schon immer gehörten. Zwei. Wir sind dennoch Konkurrenten, jeder mit jedem, jede mit jeder. Drei.
Freundschaften haben die Aufgabe taktische Mehrheiten zu bilden. Vier.
Wir schauen auf flackernde, sich überlagernde Bilder. Wir warten auf eine weitere Pubertät. Erwachsene Schulhofkinder denken, später wird alles gut. Aber Später leben wir doch schon seit 20 Jahren. Wir sind im Arsch.