Februar 2009
Der Februar ist vollgestopft mit Sensationen, mit dem Wissen, daß Wissen löchrig ist, temporär. relativ, Vermutung nur, Glaube, Fiktion, ein abstruses Filmdrehbuch, ein Filmdrehbuch mit Rückschlägen vorm unvermeidlichen Happy End, ein Traum, ein schöner Traum, ein Albtraum, der Traum eines Betrunkenen, der Traum einer verzweifelten Nonne, der Tagtraum eines betrunkenen Pathologen der eine ehemals verzweifelte Nonne obduziert...
Wissen unterliegt Veränderungen, manchmal großen Veränderungen: Amerikaner wählen einen Halbschwarzen zum Präsidenten, die süddeutsche CSU benennt einen Minister der unter 79 Jahre alt ist... auch unter 60 Jahre, auch unter 50, unter 40!!!
Von diesen möglichen Unmöglichkeiten angesteckt, erklärt ein Bischof Williamson, daß er erst historische Beweise überprüfen müsse, um einen Holocaust anzuerkennen. Seit wann interessiert sich ein Mann der Kirche für Beweise? Man kritzelt, was man so braucht auf altes Pergament, läßt es einstauben, findet es mit Zeugen, pilgert dann 2000 Jahre lang an den Fundort... Es gibt eben alte Männer, die waren als junge oder mittelalte Männer auch schon therapiebedürftig, entwickelten aber Führerqualitäten. Darf man nie vergessen, daß es pro Generation mehrere davon gibt.
Februar 2009. EU, USA, Island und andere Spekulanten erwägen die Gründung einer Bad Bank, welche die faulen und wertlosen Papiere, die Toxic Assets, verwaltet, aufkauft und irgendwie bewertet. Klingt schwierig, ist es wohl auch. Aber eine Herausforderung!
Ich denke, ich gehe morgen zu meinem Vermittler und teile ihm mit, daß ich diese Bank gründe. Mit wertlosen Papieren zu handeln, werde ich ihm sagen, ist besser als gar nichts. Klingt erstmal wenig verlockend, aber ich werde mich einarbeiten. Ich bin aufgeschlossen und belastbar. Und „Toxic Asset!“ is'n geiler Name. Der Name allein bringt die erste Million und falls die Dinger wirklich wertlos sind, stoße ich sie einfach ab!
Wo? Na, an der Börse. Dort geht alles.
Februar 2009. In China wurden im Januar 735 000 Autos verkauft. In der Geschichte der Menschheit, und wahrscheinlich auch des Universums, gibt es nun ein Land in dem mehr Autos verkauft werden als in den USA!
Eventuell waren es bei den Amis nur 734 800?
Danach ein Bericht über eine Dürre in Nordchina. Soldaten gießen aus Plasteeimern Wasser aufs Wintergetreide. Ja, alles Gute ist nie beisammen.
Österreich, 11. Februar: dem größten deutschen, auch größten europäischen Finanzdienstleister AWD droht die größte Zivilklage des österreichischen Rechtswesens. Anleger, die Geld verloren, geben an, von AWD-Beratern über das Finanzprodukt falsch informiert worden zu sein. Es sei immer die Rede von einer sicheren Anlage fürs Alter gewesen, nie von einer hochspekulativen Aktie!
Die AWD beteuert inzwischen, daß ihre Berater sehr wohl genau vor diesen Risiken gewarnt hätten. Wem nun glauben? Ließ jemand ein Aufzeichnungsgerät bei den Gesprächen mitlaufen? Vielleicht eine Kamera, die dokumentierte wie bei sämtlichen Beteiligten, bei Nennung von Prozenten und Endsummen die Zähne tropften, vor Glück die Augen tränten?
Wer mag sich da gegenüber gesessen haben? Einerseits die Berater aus artfremden Berufen, rasch besohlt, buntes Portfolio in der Hand, Krawattennadel am Hemd? Auf der anderen Seite die Kunden, der Verbraucher, der fürs Alter vorsorgende Verbraucher. Verbraucher und Hellseher: sie wissen, daß ihnen im Alter Geld beim Leben helfen wird.
Unschuldige österreichische Verbraucher mit Haus und Auto. Mit Haus und zwei Autos. Mit Haus, zwei Autos und 3-Meter-Flachbildschirm. Mit Haus, zwei Autos, 3-Meter-Flachbildschirm und einem kleinen Haus an der Adria. Mit Haus, zwei Autos, 3-Meter-Flachbildschirm, einem kleinen Haus an der Adria und einem studierenden Kind... Und immer noch ist Geld drüber. Und dieses Geld soll wachsen, ohne daß jemand gießen muß.
Nun ist es weg oder als Provision im Tresor vom Berater oder da dieser lebensfroh nicht auf den Schein guckt, wandert es gerade durch die brasilianische Infrastruktur.
Oder wurde es inzwischen umbenannt in „Toxic Asset“? Oder wird als Provision kommenden Beratern ausgezahlt, wenn die AWD umbenannt ist und das gleiche macht wie zuvor.
Hoffentlich benennen sie dann auch das Stadion von Hannover wieder in Niedersachsenstadion um!
Februar 2009. Bei Großbränden in Australien sterben über 200 Menschen. Man fand die verbrannten Knochen in Kühlschränken, Swimming Pools, in verbrannten Autos am Straßenrand. Sie wurden überrascht oder konnten sich von ihrem Besitz nicht trennen.
Eine überlebende Rückkehrerin erzählt unter Tränen, daß von ihrem Haus, den Stallungen, Nebengebäuden nur noch ein Kamin in der leeren schwarzen Ebene steht. Und sie wären buchstäblich durchs Feuer gefahren.
Eine Überlebende. Sie besitzt noch ihre Tränen, ihre Lunge, gesunde Augen, die Last der Erlebnisse...
Verbrannte Erde, als Metapher in der Finanzwelt bekannt. Ein Ort, an dem nichts mehr zu holen ist. Oder ein neuer Trick muß her.
Ich hörte in den vergangenen Wochen im Deutschlandfunk, nähere Beschreibungen der gebräuchlichen Finanzprodukte. Bei jeder Erläuterung fiel mir der Unterkiefer runter: Wieso ist das legal?
Derivate, Optionen, Zertifikate sind einfach nur Wetten. Bei Aktienleerverkäufen handeln Leute mit Aktien, die sie gar nicht besitzen. Also praktisch die Stufe nach: Mein Geld soll an der Steuer vorbei von allein mehr werden. Diese Stufe heißt: ich verdiene ohne eigenen Besitz an einem fallenden Kurs. Modernisierung und Automatisierung im Industriezeitalter setzt Arbeitskräfte frei, also muß man auch ohne etwas herzustellen, Geld verdienen können. Man geht aufs Amt oder an die Börse.
Im Februar mehren sich Anzeichen, daß es so einfach doch nicht ist. Wenn beim Mau Mau keine Karten mehr da sind, dreht man den Stapel um und weiter geht’s. So ähnlich hat man es bisher auch in der Ökonomie gemacht. Immer einen Stapel umgedreht, Geldscheindrucker angeworfen und Zusatzstapel daneben. Leider wurden auch die Regel geändert: Sieben- siebzig Karten ziehen, As – hundertmal aussetzen, Bube – ich darf drei Jahre lang legen, was ich will.
Im Grunde ein Spiel ohne Regeln. Laßt uns doch weiter ohne Regeln spielen, denn das Krisengequatsche macht mir Angst.
Nein, die Krise macht den Sprit billiger, Krise ist geil!
Nein, Krise kostet Arbeitsplätze!
Na und, ich wollte sowieso nicht bis 67 arbeiten! Ich besitze ein Stück Land, ich kann mir Kartoffeln selber anbauen.
Außerdem will ich gar nicht siebzig Jahre alt werden, aber: ein Papier, auf dem steht, dass ich mit Siebzig 5000 Euro Rente und ein Boot an der Cote d’Azur habe, ist trotzdem schön. Oder ein Einzelzimmer im Heim. Eine deutschsprachige Pflegerin ohne BH unterm Kittel…
Nein, ich lebe heute. Bald wird es warm. Wird es März.
Die Lerchen kehren zurück. Laßt uns Auto fahren solange der Sprit billig bleibt. Fahrt mit offenen Fenster, damit ihr die Lerchen hört…