Die Zukunft war ein Vorhang


Die Zukunft war ein alter Vorhang.

Man konnte allerhand dran aufhängen. Aber bald riß er und der ganze Kram landete auf der Erde.

Die Zukunft war nur ein Vorhang, stank nach Qualm, mußte er ja.

Wir haben die Probleme von 2050 im linken Bein. Im rechten Bein eine problem-abgewandte Badezimmerfliesen-Mentalität, die mindestens 40 Jahre alt ist. In der Hüfte, die seit dem 17. Jahrhundert kursierende, skalpellkalte Aufklärung, die den Menschen in Geist und Körper teilt. Dennoch humpeln wir kaum, was für eine Leistung der Koordination!

Die Zukunft war ein Vorhang in einem Zimmer weit oben. Das Fenster stets offen. Durchzug ließ die Zipfel tanzen. Der Vorhang besaß Flecken, Muster, die man vom Erdboden aus nicht genau erkannte; besser war’s sich damit zufrieden zu geben. Der Fahrstuhl dahin hatte noch niemanden zurückgebracht.

Die Zukunft liegt im Straßenpflaster, unter unseren Füßen. Wir gehen ihr nicht entgegen, wir gehen bereits auf ihr. Der Tag heute ist der, zu dem wir gestern morgen sagten: Morgen wird es geschehen, morgen mache ich ein Faß auf, morgen sage ich ihm paar Takte, da kann er mal hübsch schlucken, mir doch egal, an was für langen Hebel der sitzt, das Faß ist übergelaufen, die Galle und die Elbe auch.

Und plötzlich ist es Abend. Gar nichts tat ich, beinahe nichts, ich habe die Zukunft auch gar nicht gesehen, nur auf dem Klo ein Zeitungsstück mit einem Umweltbericht, sollte-würde-könnte ... die Temperatur steigt um 2 Grad, der Meeresspiegel um 2 Meter, oder zehn, mir doch egal, was geht mich Holland an, oder die Malediven, oder Hamburg, naja Hamburg schon eher, da war ich schonmal.

Katrina&Kyrill treten künftig als volkstümliches Duo auf, also grausam und wie die Kelly-Family mit all ihren Kindern, also mit Pest und Dürre, Geltungsdrang, genverändertem Eiter...

Nee, die Zukunft, die können die sich da oben mal schön alleine braten!

Die Zukunft duckt sich. Ab einem gewissen Alter, am Ende der Jugend, also mit 19, mit 25, bei manchen mit 49, hört man auf zu sagen: das mache ich später mal! Plötzlich sagt man: das tue ich jetzt oder dies schließe ich dieses Jahr noch ab. Solche Leute teilen sich ihren Tag ein. Oder die Nacht, wenn sie herausgefunden haben, daß sie die Nacht brauchen. Solche Leute bringen Opfer, verzichten auf etwas, um dieses Leben nun zu leben. Sie haben damit aufgehört Tausend Dinge gleichzeitig zu wollen, besuchen nicht mehr drei Partys am Abend, auf denen sie erzählen, was sie lieber und anstatt dem, was sie gerade tun, machen würden ... Vom Schwatzen zum Tun, das ist für erstere ein normaler Schritt gewöhnlicher Länge, für die anderen liegt die Zukunft hinterm Tod.

Wachen Mann und Frau nebeneinander auf, ist ihr Bedarf an Zukunft gering. Die Haut duftet. Das Laken schwitzt. Die Haut duftet an Hals und Beinen. Beide werden zu spät auf der Arbeit erscheinen. Das ist die Sache allemal wert. Sie hat nun mal morgens mehr Lust als am Abend.

Manchmal, dicht am Laken, hält die Zukunft inne, staunend über die Gegenwart. Regiert die Freude gerechter als die Pflicht. Schämt euch nicht der Wärme, niemals ... irgendwann hält die Zukunft sowieso nur noch beim Vögeln und Küssen inne, nur dann ist Gegenwart möglich. Und bei einer Verspätung.

Zukunft: lachend schritten sie übern gefallenen Vorhang, unter die Absperrung, nach dem Landende weiter. Mann und Frau über 40 staunen nicht schlecht, wie viele Schritte überm Abgrund möglich sind, ohne abzustürzen! Wie viele Jahre sie leben konnten, zubringen, mal froh mal engstirnig, ohne Erde oder Fels unter sich zu haben, die Haftpflicht hat die Scheibe bezahlt.

Schritte in der Luft, Provisorien geatmet, Halbheiten als Ganzes genommen. Das Ganze nie benötigt. Von der Liebe und der Luft. Ohne Last, nichts unter sich. Sie bemerkten es nur, als sie mit dem Fuß aufstampfen wollten, aber keinen Gegendruck spürten.

Kurz nur die Angst, es könnte einen niemand brauchen ... die Gewißheit, daß alles Leben auch ohne sie selbst weitergehen wird, Kinder sagen zu anderen Erwachsenen Vati, Mutti... Seitdem genießen Mann und Frau jedes Wetter oder fluchen vergnügt. Sie haben das Zweitauto abgemeldet, nun planen sie mehr, reden mehr, auch mit anderen über Aushelfen, Mitnehmen, letzte Buslinien, Fahrradlicht ohne Dynamo. Sind wieder die jungen gesellige Menschen von damals.

Wir können leben oder dem Geld nachrennen. Manchmal trifft man Geld und Leben beisammen an, Geld und schönes Leben oder kein Geld und Scheißleben, oder kein Geld keine Termine ... manche benötigen einen Unfall oder eine schwere Krankheit, um sich nach etwas zu sehnen. Das Dasein zuvor war nur nachgequatschte Gier. Nun umarmen sie Baumstämme oder die Pfähle von Werbeflächen, sagen “Stimmt so!” auf diese aufdringliche Art und die Kassiererin guckt zur Kassiererin nebenan, hängt sich die Zunge tief ins Dekolleté.

Die Zukunft war ein Vorhang. Der Vorhang ist zerschnitten in winzige Stoffteile, kann man im Internet ersteigern, kosten am Tage 3 $ 90, nachts 85 Cent. Daß niemand die Zukunft kennt, hat auch gute Seiten. Ängste erhalten die Möglichkeit, sich als unbegründet herauszustellen, außer die eine, meine:

ich werde in Zukunft andere Texte schreiben, für Geld, für die mittel- und dreiviertel Reichen, also uninteressantes Zeug werde ich schreiben: über Reiten in Schwaben oder bayerische Frauen in Afrika, über italienisch kochen, dazu endloser, superwitziger Partnerschaftskram, als verlaufe die aktuelle Front zwischen Mann und Frau... auch das war gestern schon Quatsch. Vorhang.

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