März 2009
Der Schnee ist getaut. Am 7. hat die Elbe in Dresden 5 Meter, zwei gelten als “normal”. Ich überquere die Elbe per Zug bei Torgau. Der Fuß der Dämme ist noch nicht erreicht. Krähen und Möwen scheint ein breiterer Fluß viel Freude zu machen. Ob sie wissen, daß ehemaliger böhmischer Schnee unter ihnen glitzert?
5. März, Stuttgart. “Der ehemalige deutsche Vertriebschef des Autobauers Daimler ist vom Amtsgericht Stuttgart wegen Untreue zu 36 000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Der 65jährige hatte Mitarbeiter der Bauabteilung des früheren Daimler-Chrysler-Konzerns für den Umbau seines Privathauses sowie der Finca einer Freundin auf Mallorca eingesetzt.”
Wieder ein trauriges Beispiel wie Ostblockmanieren den Westen versaut haben.
Wer hatte eigentlich damals die durch und durch ehrlichen und redlichen Kommunisten versaut?
5. März. Der Ministerpräsident eines mitteldeutschen Landes bezahlt fahrlässige Tötung mit einem Monatsgehalt. Die Verhandlung habe eine Stunde gedauert, da die Schuld von vornherein eingestanden war und anscheinend auch die Opferseite einen schnellen Abschluß wünschte. Aus den Schlagzeilen wollte, nicht mehr fotografiert werden wollte und nicht mehr unter den Fotos lesen wollte, wie sie sich gerade fühlen...
Wenn ich von Wirtschaft und Geld genug habe, verfolge ich auch gern einmal Kinosendungen, neue Filme werden vorgestellt, Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellern runden das Bild ab. Bei Remakes heißt es meist, daß auf die Stärken des Originals verzichtet wurde und bisher sehr gute Schauspieler in ihren bisher schlechtesten Rollen zu sehen sind.
Wichtigste und gern wiederholte Frage an junge männliche Hauptdarsteller ist neuerdings: “Wie war es denn mit dieser berühmten Frau Bettszenen zu drehen?”
Der Akteur antwortet, daß er das Thema des Drehbuchs sehr interessant fand und mit diesem Regisseur zu drehen als große Ehre empfand.
“Ja, aber die Bettszenen mit dieser Diva, mit dieser gestandenen mehrfachen Oskarpreisträgerin, wie war das?”
Akteur antwortet: “Es war total professionell und locker. Auch das Team, was drumherum stand war sehr professionell.”
Nun beginnt Interviewer damit die Nerven zu verlieren: “Aber es muß doch... mit dieser Frau... also nackt und Sex und Bett... und im Kinosaal spürt man doch, das es knistert, also, daß die wirklich... ich meine: richtig!... das muß doch...!!!”
“Ganz professionell und locker.” sagt der Akteur nochmal.
Hier endet das Interview. “Danke für das Gespräch!” wird später dazu produziert. Erstmal kriegt Interviewer einen Schreikrampf und der Praktikant legt ihm einen Beutel Eiswürfel auf den Schwanz oder wenn es schon zu spät ist, reißt er zwei Tücher von der Küchenrolle...
9. März. Weisswasser. Ich lese und sehe im Lokalteil der Lausitzer Rundschau, daß die Stadtverwaltung Weisswasser einen neuen Kleinwagen besitzt. Ein VW-Hundefänger, der wie ein Formel-1-Bolide mit Werbung beklebt ist. Das Foto zeigt weiterhin vier Männer am Auto, sichtlich von Stolz und Zufriedenheit erfüllt. Im Artikel steht, daß sich 46 Firmen der Region an der Finanzierung beteiligt haben.
Ich bin erschüttert, positiv beeindruckt, welch eine Solidarität in diesen egoistischen Zeiten! Wenn der Hundefänger 30 000 gekostet hat, gab jede Firma 652 Euro, bei einem Preis von 23 000 500 Euro. Sicher gab jeder, wie er kann, also von den 46 Firmen nicht jeder gleich viel. Nun müssen nur noch Haftpflicht und Steuer aufgebracht werden.
Auch wenn Steuern zur Zeit sämtlich an verarmte Milliardäre im In- und Ausland gehen, damit die uns Arbeit geben. Uns! Nicht wie all die Jahre nur Indern oder Chinesen. Wir wissen nicht, ob sie das wirklich tun werden? Aber wenn man jemanden soviel Geld schenkt, muß er doch, muß er ganz bestimmt, müßte er eigentlich... es auch von alleine wollen?
Die Bürger von Weisswasser könnten das hoffnungsvolle Bild nun abrunden, wenn jeder jeden zweiten Tag eine Zahnputzbecher voll Benzin zur Stadtverwaltung bringt. Haftpflicht bezahlt man nicht, damit ein Fahrzeug herumsteht!
10. März. Rekordjahr in der Oberlausitz: Die Zahl der Übernachtungen betrug 2008 eine Million 534 969, ein Anstieg um 3,8%. Görlitz 11%. Mein erster Gedanke: es war doch nur einer, zweiter Gedanke: aber der würde ja nur 364 Übernachtungen schaffen? Nein, viele haben die Lausitz besucht, ein wunderbares Land gesehen, kommt in die Lausitz!
11. März. Spiegel-online schreibt: “Amoklauf in Baden-Würtemberg, Tim K. - der Junge ohne Eigenschaften, Er tötete Schüler, Lehrer, Passanten: Ein 17-Jähriger hat in der schwäbischen Provinz 15 Menschen ermordet - dann tötete er sich bei einem Schusswechsel mit der Polizei wahrscheinlich selbst. Tim K. wird als unauffällig, aber frustriert beschrieben. Was trieb ihn zu der Wahnsinnstat?”
Was treibt einen Journalisten dazu, erst die Antwort zu notieren und dann die Frage zu stellen? Er war frustriert. Und was ist ein Junge ohne Eigenschaften? Wer erfand eigentlich das Wort “Blutbad”?
Ich war während zehn Jahren Schule in 4 verschiedenen Klassen, dann eine Klasse Lehre, bei der Armee drei Kompanien, später Arbeitskollektive, Fortbildungsklassen. Es ist immer jemand in einer Klasse, der sich anbietet Haß- oder Lästerobjekt zu sein und es ist nicht leicht dieses Angebot abzulehnen. Ich denke nach, frage mich, ob ich mal bei den Lästerern, Quälern, Drangsalierern dabei war, neutral wegschaute oder linderte?
“Amoklauf in Winnenden - Protokoll eines Massenmords”, knallt spiegel weiter, dann fallen die Worte “Massaker” und “Schießerei”, auf Platz Fünf dann endlich “Tragödie”.
Meldung aus China: Nicht 20 Mio Wanderarbeiter hätten ihre Arbeit verloren, sondern 25 Mio. Beweisen diese Zahlen Chinas Wirken auf dem USA-Binnenmarkt?
Meldung aus Berlin: Abwrackprämie soll verlängert werden. Ein Kommentator im Radio mutmaßt: Die Autohersteller haben noch genug Spritfresser auf Halde.
Muß mich mal ausruhen vom Grauen. Ich brauche Wärme, Eleganz, Zerstreuung. Gucke Fußball, Manchester United gegen Inter Mailand. Also taktische Brillanz, körperliche Fähigkeiten in ästhetischer Perfektion, One-Touch-Fußball. Ronaldo, Rooney, Giggs die Bälle wie im Traum spielen.
„One Touch“ in Partnerschaft, Sexualität und Kuschelseminaren eher unattraktiv, ist beim Fußball ein enormer Geschwindigkeitsvorteil, immer wenn einer kommt, einem den Ball wegzunehmen, hat man ihn schon nicht mehr. Ich gucke so paar Minuten, bis ich mich frage: Was hat den ManU auf den Trikots stehen? Da steht doch vorne, offn Hemd, was groß vorne drauf: A I G ? Ach, du Scheiße. Jetzt wird mir auch beim Fußball übel.
Wer wissen möchte, was AIG so tut, gebe bei wikipedia einfach “cross border leasing” ein. Es geht da um Verträge, Wie immer bei Verträgen gibt es Vertragspartner. AIG ist nur einer von beiden...
Kalter, kalter März. Und die Kälte sagt die Wahrheit. Kälte sagt immer die Wahrheit. Oder nicht? Und wer noch?
Mein Holz ging aus. Nachbar zersägte mir einige Balken, brauchte die Stücken nur noch hacken. Die Kraniche standen schon Anfang März auf dem Feld, die haben sich wohl auch etwas vertan...