Sie könn'n gar nicht in Ruhe zu mittag, was?

Es ist Mittag in der Kreisstadt, der ehemaligen Kreisstadt, nun Große Kreisstadt.
In der Kreisstadt jener Ort, an dem es früher ein Kino gab: die Schauburg.
Eine östliche Kreisstadt, die war mal schlesisch, mal sächsisch, mal preußisch, mal sowjetisch. Eventuell fehlt hier noch ein Staat oder es ist einer zuviel genannt, aber was ist das gegen das Fehlen eines Kinos!
Heute ist diese Stadt gewöhnlich-deutsch, trotz Schengen grenznah und der Hunger vorbei, Aldi, Rewe, Plus, Penny, Edeka und eine Tankstelle bieten Lebensmittel zum Verkauf. Alle Bewohner haben die dazu nötigen Zahlungsmittel in ihren Taschen. Ihre selbstausgewählten Lebensmittel tragen sie dann nach Hause oder dehnen mit ihnen, in geselliger Runde auf öffentlichen Plätzen, sprengringknackend die Zeit. Gedehnt muß sie werden, denn selbst im Osten vergeht sie inzwischen zu schnell.

Ich sitze in einem Edeka-vorgelagerten Bäcker. Kaffee und Kuchen vor mir. Einen Aldi im Blick, ein AWG-Kunsttextil, ein Mac Geiz, eine Apotheke. Habe auch den Fleck wo das Kino war im Blick. Parkplätze, Sträucherrabatten, Sträucherfüße mit Rindenstücken gesäumt. Gäbe es das Kino noch, könnte man dort nicht parken. Da wäre guter Rat teuer. Mittels Festplatten, DVD, Blue-Ray entschädigen uns Heimkinos. In Heimkinos ist es zum Klo nicht so weit.
Ich schaue vom Parkplatz aus kurz zum wolkenlosen Himmel hinauf. Ich glaube, wir sind doch allein im Weltraum.

Vor der Alditür lärmen Kinder. Ich zähle 5, die um einen Mann herumlaufen. Der Mann nimmt das kleinste und wirft es über sich in die Luft. Dessen Vergnügen kennt keine Grenzen. Die Stimmbänder des Kleinen kennen Grenzen. Doch diese sind wahrlich keine engen Grenzen. Der Mann fängt das Kind und wirft es erneut. Wie sie lärmt, die Dankbarkeit. Echte Dankbarkeit.
„Sie könn'n gar nicht in Ruhe zu mittag, was?“ erreicht mich die mitfühlende Stimme der Bäckersfrau. Was sich diese fünf Kinder da erlauben. Das fliegende quietscht vor Vergnügen, in einer Art frühreifer Wollust. Die anderen Vier,

geringfügig leiser, freuen sich mit ihm. Der Mann lacht, als wäre der Platz vor einer Alditür ein besserer Ort, als dieser eine Strand von Mallorca.
Bestimmt Assikinder denke ich, beweist schon die Anzahl. Nein, sie tragen saubere Kleidung, der Mann keine Jogginghose.
Ich rufe zur Bäckersfrau: „Die stören mich nicht.“
Schaue den Kindern wieder zu. Es soll ja im Osten so wenig Kinder geben?
Was bin ich für ein reicher Mann: eine Bäckerin sorgt sich um meine Mittagspause, fünf Kinder und ein Mann erwecken einen asphaltierten Landstrich. Fünf Kinder und ein Mann reden weder von Spritpreis, das Kilo Schnitzel, noch von Denen-da-oben. Ihre Lungen blasen den kalten Hauch eines geschliffenen Kinos beiseite, ihr Juchzen vertreibt den modrigen, tränennassen Geruch der fortgetragenen Leinwand. Ich spüre im Magen, wie ich mit dem Kind fliege. Aber wer wirft die Bäckersfrau?


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