Bärlauch
Der Schüler kniet vor dem Meister. Sein sorgenvolles Gesicht schaut zu Boden, sein Meister läßt ihm die nötige Zeit, um den Mut zur Frage zu finden.
Durch die kleinen Tempelfenster erreichen wenige Sonnenstrahlen das weiße Haar des Meisters und vergolden es beinahe. Smaragdene Vögel in den Zweigen schweigen, halten inne. Der Schüler hebt sein junges, dennoch besorgtes Antlitz: „Meister, warum essen die Menschen neuerdings Speisen mit Bärlauch und wie schmeckt dieser?“
„Oh, das sind zwei Fragen!“ sagt der Meister, „Auf deine erste Frage, das Warum, gibt es derzeit keine irdische Antwort und wird es wohl auch künftig nicht. Aber höre die Antwort zur zweiten Frage... Stell Dir dazu vor, es ist Herbst und ein Mensch stirbt. Es ist ein unter seinen Mitmenschen wenig beliebter, ja beinahe als unangenehm empfundener Mensch. Der Bestatter bringt diese Beerdigung in müder Haltung, auch selbst etwas erlöst und mit wenig Würde hinter sich. Der Sargtischler hat bei weitem nicht sein bestes Holz ausgewählt. Diese zwei, drei, vielleicht vier Menschen verlassen bei strömenden Regen den Friedhof, darüber rätselnd welche Flut von unerledigten Aufgaben dieser Mensch in seiner nächsten Inkarnation zu erledigen haben wird und ob er diese wieder in die nächst weitere verschiebt?
Es regnet daraufhin den ganzen milden Winter und das warme Frühjahr hindurch. Dann folgt ein heißer Sommer. Die enorme Feuchtigkeit und eine Vielzahl von Würmern, Insekten, Kleingetier haben das minderwertige Holz des Sarges als hochwertig angesehen und verwendet. Das Grab stürzt ein. Auch der physische Leib des unangenehmen Menschen ist zersetzt und aufgegessen, seltsamerweise bis auf ein Bein, das aus der Erde des eingefallenen Grabes herausragt. Und nun, stelle Dir vor, jemand tritt ohne vor Grauen zu erschauern an dieses Grab, zieht diesem Bein die Socke aus, legt sie auf ein Brot und beißt ab... so schmeckt Bärlauch.“
Ein bleich gewordener Schüler verläßt zutiefst erschrocken den Tempel. Er stürzt auf der Treppe, berappelt sich mühevoll und setzt seinen Weg fort.