Wahlen - Weichen oder Prellböcke

der Geschichte?

Ein schicksalschweres Jahr, kein Jahr der hohen Klippen, sondern ein Jahr der Ebene. Jeder konnte weit sehen und erkennen, daß sich nie etwas ändern würde. Zumindest nicht in Deutschland. Nicht, wenn man in der Mitte vom Boot sitzt. Wenn man gut lebt, sollte man sowieso mit Änderungen vorsichtig sein. Zu rasch ist das falsche Wort gesprochen, das Kartenhaus entzwei, der Kredit verspielt, steht erst der Leib voll Tränen, dann das ganze Tal, flackert das Licht am Anfang des Tunnels. Eine Wahl stand an. Ich spürte tief in mir, daß ich etwas für die Demokratie tun wollte, wagte den Schritt vom Gedanken zum Telefonhörer, meldete mich als Wahlhelfer.

7 Uhr 20 half ich beim Tischerücken und Stimmzettelauspacken. 8 Uhr öffnete das Wahllokal und schon strömten die Wähler hinein. Schön einer nach dem anderen. Wir halfen: “Bitte nur eine Person in die Kabine!; Bitte falten Sie ihren Stimmzettel zweimal! Wie? Na so, daß man die Schrift nicht sieht.”

Natürlich waren uns Beeinflussungen jedweder Art untersagt, auch Äußerungen, die nur entfernt etwas mit Politik zu tun haben. Lediglich für die Unentschiedenen hatte ich einen Tisch mit vorgekreuzten Stimmzetteln vorbereitet.

Ich hatte diese liebenswerte Freundlichkeit in einem Bericht über Wahlen in ehemaligen Sowjetrepubliken gesehen. Dort fuhr man die Entschiedenen mit Bussen zu drei und mehr Wahllokalen, dort waren zu Beginn die Urnen auch nicht leer wie unsere, da wurde Altkommunisten gern ein kleiner Vorsprung gegeben. Ich finde das nicht schlimm, eher sportlich.

Und schon stand ein Unentschlossener Mittfünfziger vor mir: “Was kann ich denn bei Ihnen so an fertigen Stimmzetteln bekommen?”

“Alle natürlich, was Sie wollen?”

“Dann einmal NPD bitte.”

“NPD? Junger Mann, bedenken Sie: es war tierisch kalt in Stalingrad!”

“Gut, dann einmal Graue Panther.”

“Graue Panther, Moment ... hier ... bitte.”

Eine Stunde später ein Mittdreißiger, rasierwasserduftend, mit weißem Poloshirt über der Schulter: “Einmal NPD bitte.”

“NPD? Junger Mann, bedenken Sie: es war tierisch heiß in der Wüste, und trocken, und Rommels Glückssträhne dauerte nicht ewig!”

“Okay, dann die Linkspartei.”

“Einmal Links ... hier bitte.”

Eine Frau, irgendwo zwischen 50 und 80 spricht mit fortgleitender Stimme: “Ich weiß einfach nicht, was ich wählen soll.”

“Ich habe alles, sagen Sie mir einfach, was Sie für sich oder für dieses Land wünschen.”

“Na, für mich brauche ich ja nichts, wissen Sie, da komme ich zurecht, aber wenn es für Kindergärten mehr Geld gäbe und daß die Schulklassen nicht alle über 30 Schüler haben, daß man die Kinder nicht so anonym ... wissen Sie? Und daß die kleinen Kinos und Konsums nicht alle verschwinden, das würde ich mir schon wünschen.”

“Junge Frau, ich sagte Ihnen ja: ich habe alles ... aber sowas ...” ich mußte kopfschüttelnd bedauern, “gehen Sie einfach spazieren, es müssen ja nicht alle wählen, es zeigt Sie auch niemand mehr an, wenn Sie’s nicht tun, DDR is vorbei, hahahaha ...”

Dann stand eine 18jährige, augenbrauengezupft in hohen Stiefeln und auf 28 geschminkt, vor mir: “NPD bitte.”

Ihr Blick sagte mir, daß sie Bescheid weiß.

“Bitte, einmal NPD.” Nun bedeutete mir ihr Blick, daß ich gut daran getan hatte, meinem Zweifel nicht zu folgen. Sie weiß, die Welt ist im Moment noch gegen Sie, gegen sie und ihre Freunde, aber sie werden sich das nicht bieten lassen, schon gar nicht von einem brilligen Wahlhelfer. Ich schaute zu Boden.

Der Boden sah ganz ruhig aus.

Eine Demokratie hält so was aus, sprach ich mir selber wieder Mut zu. DDR ist vorbei, hahaha ...

Verfolgte abends im Fernsehen Hochrechnungen, vorläufige Ergebnisse, rückläufige Kommentare.

Das Volk hat nicht und nichts entschieden.

Und wenn es einem gut geht, ist das das Beste was man tun kann.


ut, 19.9.05

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