1. Wolfstext (2006)

Der Wolf ist nach Deutschland zurück gekehrt. Sie mögen sagen: er war doch nie fort. Aber ich rede vom Tierreich. Wolfsmensch ist etwas anderes als Wolfstier. Eventuell fehlt uns heute die Zeit auf beide ausreichend einzugehen? Auch ist über Wolfsmensch genug gesagt.

Wie kamen die Wölfe nach Deutschland? Einer durchschwamm die Oder Richtung Mecklenburg, zwei oder drei liefen durch die Neiße in meine Heimat, die Oberlausitz.

Wolf und Wölfin sind Urvater und Urmutter aller Hunde. Bis 1904 wegen puren Neid oder weit schlimmeren Ängsten ausgerottet, schleichen sie nun wieder findig durchs Unterholz. Am liebsten nachts.

Wenn ich schlafe, schauen sie ringsum meinem Bett in den Wäldern nach dem Rechten. Dezimieren endlich das Rotwild, wegen dem junge Baumpflanzungen immer eingezäunt werden mußten. Denn stets schlief der Jäger mit seinem Flachmann auf dem Hochstand ein. Und ein Reh, ein Hirsch, ein Dammwild können bei frischen Sprossen einfach nicht zusehen, frische Sprossen gehen bei denen wie geschnitten Brot. Nun aber wird ihnen der Wölfe Mangel an Political Correctnes die Art gesund erhalten: Die Wölfe fressen Kranke und Behinderte zuerst. Das klingt hart, ist es auch, andererseits bringt man im Tierreich niemanden um, weil er auf einem Ölfeld grast oder wohnt. Wölfe beißen auch niemanden die Halsschlagader auf, weil er Edelsteine besitzt, die der Wolf dann in Kreuze einfaßt, um in Kirchen damit anzugeben, um sie später durch farbiges Glas zu ersetzen, und mit dem Verkauf der Originale die Kosten ausschweifender Feste begleicht.

Dennoch ist in Teilen der Lausitzer Bevölkerung eine leicht fragendes Unbehagen spürbar: Ist er wirklich scheu, dieser Wolf? Und haut er wirklich ab wenn er mich sieht? Und gibt mir nicht die Kante? Die Statistik in vergangenen Jahren angefallener Schafe zeigt: Hälfte-Hälfte. Zur einen Hälfte war es ein Wolf, zur anderen herumstreunende, entlaufende Hunde. Der Wolf ist neu. Entlaufende Hunde gibt es schon immer. Bei entlaufenden Hunden spürt niemand Unbehagen. Der Hund hat schließlich gelernt wer der Herr ist, auch wenn Herr sich Herrchen nannte. Ob sich der Wolf daran hält?

Der Wolf ist ein Tier von sagenhafter Schönheit. Wer schön ist, hat es im Leben leichter. Wer etwas hat, was andere nicht haben, zieht Haß auf sich. Der Wolf heult nachts. Einzelgänger finden sich zum Rudel. Ist es wirklich ein Heulen? Oder Stolz aufs erfüllte Alleinsein?

Tiere kommunizieren auch über Geruch.

Sind die Wölfe satt, verspüren sie wie der Mensch Müdigkeit, manchmal auch eine bestimmte Lust auf Kurzweil, auf Zerstreuung, auf ein Spiel oder eine kleine Lästerei. Dann laufen sie vom Waldrand aus auf eine winddurchwehte Schneise. Sie wissen, daß dieser Wind ihren Geruch ins nahegelegene Dorf trägt. Sie wissen, wer auf diesen Geruch wartet: Hunde, Hunde an der Kette, im Zwinger, an Laufleinen, hinter Zäunen, die sie überspringen könnten, das aber nicht wissen, oder es zwar wissen, aber ... dazu gleich.

Wolfsgeruch löst Gerede unter den Hunden aus, Erregung, Verzweiflung, die meisten bleiben gelassen, ducken ihren Kopf unter die Decke der Gewohnheit.

Einerseits wissen die Wölfe, daß die Hunde von ihnen abstammen. Gleichzeitig aber können sie es nicht glauben, lassen mehrere Arten Kichern leicht ihre Lefzen erzittern, derart närrisch klingen die Äußerungen der Hunde.

In einem Dorf rufen die jungen Hunde: “Laßt uns unseren Vorfahren folgen!” Und die alten Hunde legen sich nieder: “Quatsch, hier ist unser Fressen sicher.”

Ein Dorf weiter ist es umgekehrt: Die jungen Hunde schweigen und betrachten die ganze Nacht lang ihr gepflegtes Fell im Koi-Teich. Dieses Fell werden sie sich in der Wildbahn nicht verschmutzen. Aber die alten Hunde rufen: “Rock’n Roll! Freier Auslauf für immer! Jeder Zwinger ist Vietnam! Wir hatten einen Traum!”

Die Wölfe am Waldrand hören zu. Die Nacht ist niemals still, zwar schweigen die Singvögel, aber Käfer scharren in der Rinde, Wespen graben in der Erde, zerbrechen Marder und Dachs trockene Kiefernnadeln. Fern im Sumpf schreit ein Kranich den Fuchs zu vertreiben. Ein junger Wolf nähert sich den älteren, fragt arglos:

“Befreien wir die Hunde?”

“Niemals”, sagt die Wölfin, ruhig und deutlich.

“Junge”, sagt der Wolf, “das ist schlecht ausgebildetes Personal, die können nur noch aus dem Napf essen. An einem Rehknochen würden die ersticken.”

Plötzlich nähert sich ihnen ein streunender Hund. Die Wölfin sendet ihm ein Schulterzucken, das ihn bis ins Mark frieren läßt. Der Streunende rennt, springt 30 Meter, dreht sich nochmal um, brüllt: “Wenn das mit dem Naturschutz vorbei ist, werden sie Euch wieder bis auf die Polkappen jagen. Tag und Nacht.”

“Was ist Naturschutz?” fragt der junge Wolf.

“Das ist”, sagt die Wölfin, “wenn die Menschen versuchen sich selbst zu retten.”

“Geht uns das was an?”

Mit der Antwort: “Nein, uns geht das nichts an.” verlassen sie den Waldrand.

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