Ich, der gelbe Sack

Ob jemals eine asiatische Frau zu ihrem betrunken heimkehrenden Mann Du gelber Sack! sagte, vermag ich nicht mit Gewißheit zu behaupten.
Aber heute war im Dorf Gelber-Sack-Tag und natürlich hatte ich meinen gestern Abend an den Zaun gelehnt.
So stand er also eine Nacht lang in Freiheit, in seiner ganzen Größe, weder gepreßt noch zerrissen. Eine Nacht lang. Was mag in meinem Gelben Sack und um ihn herum vorgegangen sein?
Wann und wie oft fühle ich mich gepreßt, eingezwängt oder von Zweifeln zerrissen und bevor mir die Antwort einfällt, gestehe ich mir ein, daß ich mich solchen Quatsch eigentlich nie frage...

Ich wachte auf, dachte erst gegen Mittag an den Gelben Sack, sah vom Fenster aus, daß er abgeholt worden war. Beinahe einen pro Monat, begriff ich es plötzlich!
Nur einmal, seit ich hier wohne, hatte ich keinen voll, ansonsten immer ein Sack pro Monat. Eine Person, ein Haushalt, ein Monat, ein Sack voll.
Einen Gelben Sack voll, gefüllt mit Verpackungen, Plaste, Plaste, Plaste ... Plaste, Plaste, Plaste, Blechbüchsen, Linsen, Erbsen, Brühreis, Tetrapacks.
Ich bekam schlechtes Gewissen, dabei haben die anderen immer zwischen 5 und 12 Säcke vor der Tür. Warum denn schlechtes Gewissen? Blödsinn.
In die Erde werden Löcher gegraben, groß wie ein Fußballfeld, groß wie zehn Fußballfelder. Kaum ein Rohstoff liegt auf der Erde. Sind diese Löcher im Ausland sehe ich sie meist nicht. Hier sah ich sie oft und von einigen kenne ich die Landschaft, die es vorher dort gab.
Ich glaube, ich habe schlechtes Gewissen gegenüber dieser Landschaft, die ohne Not verheizt wird. Und weil aus den Rohstoffen energieaufwendig Dinge hergestellt werden, die ich nur einmal benutze.

Mein Gelber Sack lehnte etwas schräg am Zaun. Gestern Abend, milder Abend. In sich Behälter, die Sauerkraut, Fisch oder Speiseeis nach Fürst-Pückler-Art beherbergten. Ein altes Kartoffelnetz, Abreißtüten für Äpfel, Zwiebel oder Pfirsiche. Hat alles geschmeckt.
Mein Gelber Sack war mir nicht böse, er lehnte bequem ohne sichtliche Fluchtgedanken, schien zu sagen: Aber dafür bin ich doch da, leg dich ruhig hin!
Hab ich auch gemacht, gut geschlafen. Nun aber gehen mir Worte wie Plaste- und Metallherstellung durch den Sinn, Elektroenergiegewinnung, Aluminium-, Papierherstellung, Coltan, Erdgas, Öl, Kohle., Kupfer, Hühnerkot.
Alles für‘ne warme Bude, für hygienisch verpacktes Essen, das ist normal. Es ist nicht bloß normal, es ist gut so! Das ist unser Leben. Glück und Sauberkeit, willste lieber in einem Slum “wohnen”, Rio oder Kapstadt, dann sag‘s...

Während einer Fernsehsendung höre ich einem Professor zu, der erklärt, mit welchen Maßnahmen die sofortige Abschaltung aller Kernkraftwerke kompensiert werden könnte. Ein Kuchendiagramm aus drei, vier oder mehreren Stücken, Wind, Sonne, Brennstoffzelle, Energieeinsparungen vor allen und noch was.
Ich sehe eine andere Sendung in der ein Wissenschaftler erklärt, was wir machen könnten, wenn uns die Russen das Gas abdrehen oder wenn‘s Öl zu Neige ginge oder zu teuer würde.
Ich höre Nachrichten wie Hamburgs Ole von Beust auf die Unverzichtbarkeit der Kernkraft hinweist und sagt: Es gibt für die nächsten 15 Jahre einfach keine Alternative!
Ich spekuliere: 1. er kennt keine Professoren oder Wissenschaftler, 2. er hat soviel zu tun, daß er die Sendungen, die ich sah nicht sehen konnte und niemand hat sie ihm aufgezeichnet, 3. er kennt sie doch und weiß, was sie beinhalten, er darf es aber nicht sagen – seine Augen wirken so ängstlich – denn die Kernkraftlobby hat seinen Freund entführt und der hängt an seinen sehnigen Handgelenken gefesselt über einem offenen Hochofen, und Ole mag ihn doch noch... 4. er blickt überhaupt nicht ängstlich, er hat sich kaufen lassen, er tut für Geld so, als wisse er von nichts.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Daß heißt: manchmal wird auch Leistungsverweigerung bezahlt. Politik heißt übersetzt Interessenvertretung und das erledigt er zweifellos. Vielleicht will er sich was schönes kaufen? Volksvertreter ist ein alberner Mythos. Würde sich von Euch jemand zutrauen ein Volk zu vertreten? Ole geht es auch ohne Mythos gut.

Ich stehe immer noch am Fenster. Mir geht es auch gut. Schaue auf den Fleck, wo mein Gelber Sack stand. In vier Wochen stelle ich wieder einen hin. Oder in 8 Wochen. Das bedeutet: ich habe zu essen, ich brauche den Gelben Sack nicht um mich abends damit zuzudecken!
Der Inhalt meines Gelben Sacks besteht zu einem Drittel aus Vergnügen, alleine Eisessen macht auch Spaß. Zum zweiten Drittel aus Klugheit: mehr Obst- als Wurstverpackungen. Das letzte Drittel ist Ohnmacht, ich schaffe es nicht mit weniger Verpackung.
Bin schon stolz, wenn ich eine Buchhändlerin, die das eingeschweißte Buch in eine Tüte stecken will, aufhalte. Habe dabei das Gefühl dieser schönen, tüchtigen Buchhändlerin weh zu tun, ihr Lächeln abzuweisen, ihren Arbeitsplatz zu gefährden... sehe sie wimmern vor der Besitzerin des Buchladens: “Aber der wollte wirklich keine Tüte, ich hab‘s versucht, mit allen Tricks! Alle andern haben eine genommen!”

Vergnügen, Klugheit und Ohnmacht werden abgeholt. Werden zusammengepreßt oder bei 3000 Grad verbrannt. Vor allen bei Vernichtung von Ohnmacht sollte man gründlich sein. Aber in jedem meiner Gelben Säcke schlafen auch ungehörte Wissenschaftler und Politiker, mit selbst gebohrten Gedächtnislücken. Ich öffne den Sack nur ganz kurz: Leere Büchse rein und gleich wieder zu. Ich mache ihn gut zu, fest zu, fest.

sept‘07

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