September-2009: Der Landkreis Görlitz hängt nun schon seit Wochen voller Wahlplakate. Ich sehe: Straßenlampen entehrt, entwürdigt, komplett farb- und wortverschmutzte Dorfstraßen. Könnte ich mich kurz fassen, sagte ich: Die Plakate sind alle gleich widerlich. Hätte mich von Genauigkeit und Sorgfalt nicht allzu weit entfernt. Aber Worte machen, lautet nun mal mein persönliches Gebrechen, also weiter: Wahlplakate sind schmierig, anbiedernd, stets doppelbödig. Verraten niemals, was Politprofis tun werden, behaupten was im Moment gut klingt. Gut klingen soll.
Am besten geht es derzeit der CDU und die sind auch klug genug, ihren Vorsprung in Ruhe und Gelassenheit münden zu lassen. Sie prägen immer Wortverbindungen mit klug&Kraft, kluge Kraft, kluge Gelassenheit, kluges Wachstum, kräftiges Geldstapeln, kluge Umweltzerstörung, kräftige Arschruhe.
Ihre Gelassenheit verdanken sie einer SPD, die anstatt Erzraktionäre wie Gas-Schröder und RWE-Clement rauszuwerfen, vor 11 Jahren an ihre Spitze gejubelt hat. Dann gab es Hartz4 und massive Förderung der Zeitarbeitsfirmen. An ihren billigen Neid- und Zank-Plakaten kann man gut sehen, daß die ehemalige Arbeitnehmerpartei noch keinen Schritt zurück gewichen ist, daß sie sich für ihre 7 Regierungsjahre noch immer nicht schämen, geschweige denn entschuldigen werden. Außerdem regieren sie ja immer noch... mit ihrem schwarzen Mentor.
beneidet von der FDP, die auf ihren Plakaten verspricht Wort zu halten. Das ist kurios: Wenn niemanden interessiert, was sie sagen, interessiert es erst recht keinen, ob sie das Wort, das niemand hört, auch halten würden, wenn es, was nicht eintritt, darauf ankäme...* Auf anderen Plakaten fordern sie “damit der Arzt bleibt!”. Kann ich gut verstehen. Sie haben Geld gescheffelt bis der Arzt kommt, nun wollen sie, daß er bleibt... oder wenigstens die Krankenschwester mit der schwarzen Spitze unterm Kittel.
Einzig wirklicher Konkurrent der CDU ist die Linke. Da die SPD rot aufgab, ist die Linke das einzige Rot. Weniger Morgenrot, auch nicht Abendrot, eher Kampfrot, Gulag-Rot, Arroganz-Rot. Ich mag sie nicht, aber sie bringen Dinge zur Sprache, zum Beispiel Zusammenhänge der Geldverteilung, die sonst keiner mehr anfaßt.
Bleiben noch Grün und Schwarzbraun. Weshalb Grün nicht landesweit und stabil 15 Prozent hat, kann ich mir nicht erklären. Sie sind wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, aber zu 15 Prozent müßte es doch reichen?
Die braune NPD ist die einzige die “Wehrt Euch!” auf den Plakaten ruft. Dafür könnte man sie beinahe loben, wüßte man nicht, WIE die sich zu wehren gedenken. Wobei Gedenken hier weißgott das falsche Verb ist. Reiche denen den kleinen Finger, und du büßt den Kopf zuerst ein...
Über den Sinn von Wahlen gibt es verschiedene Äußerungen. Und der Sinn steht wirklich nicht zur Debatte, selbst wenn sogar ehemalige DDR-Bürger sagen: “Ändern tuste doch nüscht!” 20 Jahre sind eben eine lange Zeit.
Gegenüber die These: “Für Wählerstimmen tun die doch alles.” Gemeint ist: Für Wählerstimmen versprechen sie alles. Aber es gibt natürlich auch immer Wahlgeschenke. Manche glauben der Opel-Magna-Deal sei hinausgezögert worden, um näher am Wahltermin zu landen?
Was hat eine Demokratie außer Wahlen noch zu bieten: 50 000 Menschen und 300 Traktoren in Berlin gegen Atomkraftwerke. 10 000 gegen Bürgerbespitzelung. Gewerkschaften. Eine freie Presse, wenn auch nicht frei von Inserenteninteressen.
Natürlich gibt es Bürger, denen es Wurst ist, ob sie in einer Diktatur oder Demokratie leben, aber keiner weiß genau, wie viele es sind?
Für mich ist Demokratie auf jeden Fall gesünder: Ich kann auf Bühnen lesen, was ich möchte, ohne befürchten zu müssen, daß mich morgens um 4 Uhr Leute vom Innenministerium abholen und mich kein Verwandter je wieder sieht. Oder mich Verwandte, wie in Tschetschenien, als zum Krüppel geprügelte Kreatur freikaufen müssen.
Demokratie verspricht keiner Bürgerinitiative sofortigen Erfolg.
Wählen, Demonstrieren, Bürgerinitiativen lohnen dennoch und immer, sie sind Bewegung und kein verheulter Blick ins leere “da oben”...
Mitunter ist der Geldschein ein Wahlschein, wenn ich statt Ausbeuter-Kinderarbeits-Schnäppchen fair gehandeltes kaufe. (Niemand zwingt uns in Korea, Weißrußland oder Darfur zu leben, dort versuchen zu überleben.) Als Angestellter kann ich mit Geld steuern, als Arbeitsloser mit Zeit und Initiative. Wir wohnen trocken, ernähren uns. Zu unseren alten Klamotten sagen wir statt Second Hand einfach: “Voll-krass-retro!” In der Bibliothek lesen wir Zeitung. Lesen in Büchern und verschmähen, daß VON Unterschichten gemachte Fernsehen. All das können wir tun. Demokratie ist nicht das sterbenslangweilige Paradies. Demokratie bedeutet Gegenhalten, um genau zu sein: Gegenhaltendürfen.
sept-2009. Seit einigen Wochen nutze ich für einen 30h-Job ein Privatauto. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Bombe platzt:
“Herr Tiffert, ist es richtig, daß Sie ein Privatfahrzeug für Dienstfahrten genutzt haben?”
“Ja, aber ich hatte von Anfang an das Okay des Bundesrechnungshofes.”
“Aber Herr Tiffert, selbst wenn es rechtlich korrekt, vielleicht sogar legal sein sollte, ist es nicht dennoch instinktlos den Wählern gegenüber!”
“Ja, wenn Sie meinen, aber die Situation zwang mich zu handeln, ohne lange zu überlegen. Ich räume selbstverständlich ein, daß mir und der Region da etwas mehr Augenmaß gut getan hätte.”
“Wie geht es nun weiter, Herr Tiffert, einfach business as usual, als wäre nichts gewesen?”
“Keineswegs: Der Wähler und die Wählerin, auch der Verbraucher, sind der erste Souverän in einer Demokratie wie der unseren. Das ist umso wichtiger seit dem 11. September, dem 9. November und dem 31. Februar... aber: Wähler und Verbraucher reden auch gerne mal Unsinn und da gilt es nicht auf Zwischentöne zu achten, sondern mal ordentlich abgehoben, an den lamentierenden Menschen, am Verbraucher vorbei, das richtige zu tun!”
“Wir danken für das Gespräch.”
“Ich danke Ihnen! Sehr gerne!”
*28. Sept. da hat mich die FDP nun glatt belehrt. Guido statt Frank Walter. Macht das einen Unterschied? Wenn ja, welchen? Naja, ich sagte es ja schon: Wahlen sind nicht alles.