Bewußt leben heißt Freiheit finden

Wir hatten uns beim Studium kennengelernt. 1986 in Leipzig. Eine der DDR-Kaderschmieden. Dort hatte ich das zweite Mal begriffen was charismatisch bedeutet. Das erste Mal war, äh ... das gehört nicht hierher.

Olaf hieß er damals und wann immer ich einen Gang im Lehrgebäude entlang lief oder im Speiseraum beim Essen anstand, fragten mich Frauen ob ich Olaf gesehen hätte, wann er wohl käme, ob ich nicht so tun könne als wollte ich sie an unserem Tisch haben wollen.

Olaf traf ich gestern abend wieder. Nach 17 Jahren. Etwas grau an den Schläfen, aber schwarz seine Augenbrauen, die düster tiefe welterfahrene Augen beschirmten, bis eine Stimme einsetzte, die nur aus Güte zu bestehen schien, aus einem verwitterten Holzpfahl einer Meeresbuhne. Sekunden später verwandelte sich diese Stimme in ein Skalpell, wies mich auf einen psychologischen Zusammenhang hin. Ich ließ die letzten Anzeichen von Abwehr fallen, war einfach nur frei und allein, sagte: Ja, so isses.

Olaf hielt gestern abend einen Vortrag in der Stadthalle. Olaf nannte sich irgendwie indisch-englisch, japanisch klangs auch etwas, ich hab jetzt das Programmheft nicht dabei, sein Vortrag hieß: “Ganzheit – aus dem Abseits ins Diesseits!”

Olaf, also The Healer Fujiwara, hatte mich erkannt und auf die Bühne gebeten, hatte mich vor allen 5 000 Leuten auf meine Verklemmungen, eingeschlossenen Verletzungen und unentdeckten Ressourcen aufmerksam gemacht.

5 000 Augenpaare, also 10 000 Pupillen wünschten mir, was Fujiwara Shiva Olaf mir wünschte, sie ermaßen mein Elend, meine Verzweiflung und die große Chance, die sich mir ab heute bot.

Ich schlief die Nacht einen halben Meter über dem Laken. Ich würde die 10 000 Pupillen nicht enttäuschen, ich würde endlich zu mir finden. Wie krank waren wir, nein: ich bin krank. Und wie groß ist demnach die Chance zur Umkehr, zur Heilung, zur Befreiung!

Weshalb war ich eigentlich dorthin gegangen? Naja, auf dem Sofa allein, im Bett allein, da geht man eben vor die Tür. “Nüscht zu knattern da? Darf nicht passiern!” sagt Micha immer, und ich: “Leise, Micha, mußt Du ja nicht so schreien.”

und Micha: “Da muß man eben in die Spur, bißchen Süßholz und beizeiten zupacken, unten, nicht zu lange labern!” Micha konnte manchmal ganz schön primitiv sein. Nein Michael, ist nun kein Partner mehr auf meinen Weg und ich werde es ihm bald sagen müssen.

Bewußt leben, Schmerzen zulassen, Liebe zulassen, sich auf sich einlassen!

Ich wache auf, habe noch zwei Stunden bevor ich zur Arbeit muß. Ich versuche sofort bewußt wach zu sein. Du bist nicht wach, sagt mir eine Stimme, also mein wahres Selbst, du schlürfst nur mal so in die Küche, du schlürfst in die Küche, weil du von einer Frau geträumt hast, die kein Gesicht hatte, weil du es zu traurig fandest, dich selber anzufassen. Ich muß auf diese Stimme hören, ich muß sie zulassen. Ganz bewußt schalte ich die Kaffeemaschine an, die ich vorm Einschlafen noch unbewußt bestückt hatte.

Im Bad schlafe ich im Stehen ein. Meinem Bewußtsein ist zu meinem Spiegelbild nichts eingefallen. Ich wache nach einer ganzen Weile auf, weil ich friere, weil ich diesen Frauentraum wieder aufgenommen hatte und der Schwanz grade nach vorn halb hängt, halb steht. Wieder hatte die Frau keine Gesicht gehabt, keinen Namen, keinen Mund. Brauch die auch nicht, würde Micha sagen. Jetzt hängt der Schwanz wieder. Ich nehme einen Schlüpfer von der Waschmaschine, gehe in die Küche, ziehe ihn mir hoch, wegen der Hygiene. Ich glaube, ich tue dies bewußtlos. Ohne mein Selbst. Ich denke dabei nicht, für Minuten lasse ich mich nicht zu. Keine Panik, das sind Rudimente. Man kann nicht sofort alte Gewohnheiten abschleifen und im Diesseits ankommen.

Der Kaffee ist durchgelaufen. Mit dem werde ich mein Selbst erst mal anknipsen.

Warum schläft mein Selbst eigentlich beim Anblick im Spiegel wieder ein? Ich beschließe künftig morgens nicht mehr ins Bad zu gehen. Beschließe meine Abscheu gegen kaltes Wasser und eigene Spiegelbilder endlich zuzulassen, fühle nach diesem gewagten wie auch kraftvollen Entschluß wie ich offener werde, aufgeweckter, aufmerksamer! Alle Gegenstände in der Küche scheinen mir wie neu. Heute werde ich auch eine Frau finden, ihr Gesicht, vor allen ihr Gesicht betrachten können.

Als ich die Kanne leer habe, beginne ich mich zu strecken, zu dehnen. Richtig bewußt recke ich alle Gelenke, die der Beine, der Arme, jeden Zwischen- oder Reiberaum des Rückgrats. Reiße dabei die leere Kanne runter. Die trifft nicht den Vorleger, sondern auf die Fliesen und zerschellt in Tausend Scherben. Ich betrachte den Vorleger und begreife: Der Vorleger hat mich Jahr um Jahr gehindert mir der kalten Fliesen bewußt zu werden, mir also meiner Füße bewußt zu werden, er hat mich meiner sämtlichen Sensibilität für Temperaturen beraubt. Ich werfe den Vorleger in den Flur, gehe zurück um an meine Pinwand “Alle Teppiche raus” zu notieren. Laufe dabei ständig durch die Scherben.

Es gibt keinen Grund den Scherben auszuweichen. Ich kann meine Schmerzen endlich zulassen und mein Glück, wenn ich bald die Frau treffe. Das Blut, das breit fließt bin ich, das Blut “unendlich wie das All!” So hat es Olaf Bombay-Vishna-Kyoto gestern gesagt. Andere würden sich die Splitter aus den Füßen ziehen und ihre Füße dann verbinden, sich des Selbst und ihrer Empfindsamkeit berauben. Mein Gott, ein Tag eher und ich hätte selbst so gehandelt. Wie dumm, wie engstirnig!

Ich beginne auf den Scherben zu tanzen. Im Radio läuft gerade “Get up, Stand up”, Bob Marley. Das Brotmesser, daß beim Tanzen herunter gleitet, bleibt zuerst für ein paar Tanzsprünge in meiner rechten Wade stecken. Als es herausfällt, schwebt Blut in rhythmischen Bögen auf den roten See über den Küchenfliesen.

Was für ein Glück bedeutet es für mich so zu tanzen, so ganz bei mir zu sein, so frei von Kleinlichkeit, erlernten Mustern und Spiegelbildern.

Richtig müde werde ich vom Tanzen. Ich lasse es zu müde zu sein, ich lasse es zu daß Müdigkeit ein legitimer Teil meiner Persönlichkeit ist, lege mich seitlich auf die Vorleger im Flur, sehe wie der Blutsee aus der Küche sich mit dem aus dem Flur vereinigt. So werden wir uns auch vereinigen, die Frau mit Gesicht und ich.

Dann drehe ich mich auf den Rücken. Sterne tanzen weiter an der Flurdecke, Planeten kreisen und weiße stumme Vögel flattern zwischen den Planeten.

Jetzt, wo meine Füße langsam taub werden erinnere ich mich der Schmerzen beim Tanzen in den Kannenscherben. Ich habe sie allesamt zugelassen.

Ich höre Schritte im Hausflur. Leute bringen ihre Hunde treppab und hinaus.

Diese Menschen leben ohne Kontakt zu sich selbst. Diese Menschen tun mir unendlich leid.

ut, Okt’03

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