Komm, oh weihe Nacht!
oder:
“Die Augen-auf-Bescherung”
Novemberende. Die vier Advents sind am Streiten. Sie kloppen sich um die Reihenfolge. Der vierte will auch mal vorne sein. Dem zweiten und dritten ist es egal, der erste sagt, daß er solche FDP-Manieren albern findet. Silvester steht kopfschüttelnd zwei Schritte entfernt: “Oh Gott, diese duseligen Advents!”
Novemberende. Maria ist schon schwanger. Schöne Bescherung. Josef weiß von nichts. In einen der Märzmorgen-Sonnenaufgänge hinein, war einer der Hirten ausgelassen pfeifend seinem Tagwerk entgegen gelaufen.
Novemberende, und bald Dezemberende. Wieder ein Jahr vorbei. Einige Menschen erwischen sich beim Bilanz ziehen. Wie war’s? In welcher Mannschaft habe ich gespielt? In welcher Armee habe ich gekämpft? Und geschossen? Wenn ja, in welche Richtung? Traf ich Feind oder Freund?
Während der Geburtstagsfeier vorige Woche sprach die Schwägerin mit belegter Zunge: “Ja, was soll man auch machen: Augen zu und durch!”
Ich hörte diese Redensart in aller ihrer säurefesten Mutlosigkeit, dachte, so wird man nie ein Hirte, der morgens auf seinem Arbeitsweg pfeift. Nie eine Maria, deren Oberschenkelporen sich an Mondlicht und Handballen erinnern.
Augen zu und durch, ist zweifellos die zweitschlimmste Redensart, die es in diesem Land gibt. Nur übertroffen durch das östliche “Hat ja eh kein Zweck!”
Augen zu und durch, bedeutet zwar das gleiche, gibt aber Aktivismus vor, von blinden Augen entehrten Aktivismus, der alle Verhältnisse beläßt, einfriert, zementiert. Vielleicht ist diese Redensart sogar schlimmer, weil die Stagnation durch angetäuschte Bewegung verdeckt wird.
Augen zu und durch. Durch was denn? Durchs Leben? Meinetwegen, aber warum mit Augen zu? Aus Angst, aus Wissen? Dem Wissen worum es geht? Reden so die Alten? Jung Gealterte?
Was tun eigentlich die Gleichaltrigen? Die mit zuwenig Geld reden ständig vom Geld. Die mit genug Geld trennen sich von Frau oder Mann, gehen in eine Therapie, versöhnen sich, trennen sich wieder, kaufen sich ein Haus in Schweden. Eventuell bedeutet, Augen zu und durch, Blinzeln und durch?
Suche ich lieber die Nähe der Jüngeren, die Jugend, die jungen Erwachsenen. Die können einen Fahrscheinautomaten der DB bedienen, dabei mehrsprachig und mobil ein Auto mieten, weil sie wissen, daß der Automat bald seine Grenze erreicht hat. Dabei scrollen die im Display ihres Palms durch zwei, drei Artikel von süddeutsche online. Sie tragen so saubere Kleidung, daß mir das Angst macht. Ich sah eine Reportage, in der ein Fitneßstudiovorsteher stolz erklärte, daß, wenn das Shirt von jemanden nach Schweiß riecht, er ihn schon darauf hinweist und stellt dieser das nicht ab, braucht er nicht wiederkommen.
Sport ohne Schwitzen. Poren zu und durch.
Novemberende. Kauf ich mir einen Kalender fürs nächste Jahr? Oder laß ich mir einen schenken? Was soll schon drin stehen? Ob das Märzende wieder auf den 31. fällt? Ma gucken...
Mit den Alten bin ich fertig, mit dem sauberen Jungvolk auch. Begegne einem, der es in der DDR schöner fand. Der arme Kerl: mit jedem Jahr, das vergeht, ist sie weiter weg.
Ich lebte 26 Jahre lang in der DDR, dann gab‘s ein dreiviertel Jahr Reden und Ringen um einen dritten Weg, dann trugen die Pulloverträger Krawatten, dann tauschten sie unser Ostblechgeld 1:2 statt 1:12! Mit einem Mal waren wir reich, 1990 gab es zweimal Weihnachten, zweimal Bescherung, da kann man seine Eier schon mal einbüßen... seine Ideen meine ich. Augen auf und Kohle machen. Jahresende.
Es heißt viele Selbstmörder wählen das Jahresende zum Abschied. Last chrismas I gave you my heart, but the very next day you give it away... ja, mir geht der Song, wenn ich ihn bis mittag 53 mal gehört habe, auch auf den Keks, aber deshalb muß man sich doch nicht gleich umbringen.
Bald Weihnachten. Am besten vögeln statt Baum schmücken, Ficken bis der Baum brennt. Das Laken auswringen und vor die Waschmaschine legen,
feine Bescherung.
Am 24. Dezember 1979 marschierte die große Sowjetunion in Afghanistan ein. Unfeine Bescherung. Mnogo Djewutschki stickten sich zuhause schöne Muster ins Kopftuch. Soldaten starben oder wurden drogensüchtig... Wie das schöne Tuch der Liebsten das noch schönere Gesicht umhüllte, sahen andere oder niemand mehr. Kommunistische Panzer überfuhren islamische Zelte, in beiden wußte man: der 24. Dezember ist als Tag der Geburt eher ungünstig, aber ein guter Tag zum Sterben!
Meine Weihnachtsbotschaft: “Bleibt zu hause Soldaten, zu Hause!”
Novemberende. Eine warme Stube ist schon gut. Tank halbvoll Heizöl ist edel. Ein gebratener Vogel und Musik aus 4 Boxen, feine Sache. Ein heiliger Abend.
Käme Maria hier schwanger die Dorfstraße entlang, sie müßte nicht im Stall gebären. Wir haben so viele unbewohnte, möblierte Zimmer. Ich dreh nur schnell die Heizung auf, Eh Maria, Hallo! Wer is’n der traurige Scheich da hinter dir? Ach so, Joseph. Joseph, ich glaube du brauchst dringend nen Kaffee oder einen Song von den Ramones... Oh, es geht schon los, warte, hier ist warmes Wasser, ich mach mal gleich die Schnur ab, so zack, moment hier ist ein Handtuch, keen Problem wenns bissel dreckig wird, ich hab noch hundert im Schrank. Sieht gut aus der Kleene, habt ihr schon’n Namen?
Oh, is ja ein Mädchen!
Bald Weihnachten. Wird zeitig dunkel. An manchen Tagen sieht es aus als begänne bereits 14 Uhr die Nacht. Wenn das Fernsehen die unsäglichen Rückblicke beginnt, ist die Zeit günstig Strom zu sparen und Krimis zu lesen, Krimis der Marinina, Simenon oder Hammett.
Wieder ein Jahr vorbei und vergnügt ins nächste... vergnügt und offen:
werde ich in der richtigen Mannschaft spielen. Werde ich einer Armee beitreten und schießen? Womit? Und in welche Richtung? Sollte ich nicht lieber den Hirten geben, der morgens pfeift? Oder übe ich den leeren Blick von Joseph?
Ohren auf, Poren auf, Mund auf. Augen auf!
Das Leben rennt als eine Rotte Wildschweine, durch unsere Beine.