Novembertagebuch

5. Nov, sitze in einer Kantine, esse zu Mittag, Musik läuft: Gruppe Karat „Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere!“
Mein Essen ist in Ordnung und reichlich. Radio dudelt und dudelt. Buhhuaahh: Was hatten wir doch für scheiß Musik im Osten, denke ich, kaue... und meinem Gaumen geht es um sovieles besser als den Ohren! Bringe mein Geschirr weg. Der Schwan singt immer noch, die Tiere schweigen immer noch. Einige fragen die Biber, ob sie nicht von unten an den Schwan heranschwimmen könnten und das Viech runterziehen? „Wenn ein Schwan sinkt...“
„Wenn ein Schiff sinkt, lachen die Möwen!“ denke ich, vielleicht könnte man mit dieser Zeile den Song retten? - Ostmusik war nichts für schwache Nerven…

Tage später, sitze ich in einem Zug nach Berlin, 5-6 Senioren halten Mobiltelefone in der Hand und erklären einander die Vorzüge ihres Modells: „Und wenn ich hier drücke, macht es so… und das hatte ich vorher, aber dann gefiels mir doch nie und jetzt hab ich das.“ Der Waggon voller Klingeltöne.
Ich schätzte das Alter der Senioren und weiß seit dem sicher, daß sich in der Evolution die schwächsten und dümmsten durchsetzen.

immer noch 5. Nov. Opel-Mitarbeiter in Deutschland streiken gegen den Nichtverkauf ihrer Firma. Also für den Verkauf an irgendjemanden, der den Staat weiter anbetteln und natürlich wie GM auch Arbeitsplätze abbauen wird und die tüchtigen Mitarbeiter Autos herstellen läßt, die weder Sprit sparen noch zum öffentlichen Personennahverkehr aufrufen...

Nov09, Sehe an einer Tankstelle zu Niesky ein junges Mädchen mit schwarzem T-Shirt auf dem in weißen Lettern steht: „Odin statt Jesus“
Beginne zuhause etwas über Odin zu lesen. Er hatte wohl ebenfalls lange Haare und zwei Raben auf der Schulter, die ihm Rat gaben. Ich mag Raben.

12. Nov. höre im Deutschlandfunk einen Bericht über einen Fotoband, der in den 60er Jahren in der Sowjetunion einem Dokumentarfilm folgen sollte. Ein Film über das Wesen von Faschismus. Während den Film Millionen in der Sowjetunion sahen, durfte das Buch dazu nicht erscheinen. Der Autor beschwerte sich ganz oben bei der Partei, gab unter anderem zu bedenken, daß nun wo den Film Millionen gesehen hätten, das Buch keinen Schaden anrichten könne. Der findige Parteimann antwortete ihm: Ja, Millionen haben den Film gesehen und werden ihn vergessen, aber ein Buch schlagen sie auf und beginnen nachzudenken.“

11. Nov, einer der besten deutschen Torhüter warf sich vor den Zug. SELBSTMORD schreibt die Bild unter „warf sich vor den Zug“, falls jemand nicht weiß, was es bedeutet.
Vor Jahren sagte ich einmal einer Frau: „Für Dich werfe ich mich hintern Zug!“
„Um Gotteswillen, tu das nicht!“ schrie sie sofort.
Zuhören war nicht ihre Stärke.
Wir trauern um den Torhüter, fühlen mit seiner Familie. Nachdenken und ein Länderspiel absagen, scheint mir da ebenfalls angebracht.
Den Sarg in ein Stadion tragen ist da aber etwas ganz anderes.
Jemand, der 32 Jahre lang fürchtete, dass die Welt von ihm nur Leistung will und nichts als Leistung wird nun also hemmungslos weiter geschröpft und benutzt.
Ich wünsche ihm, dass seine Seele nicht mit in der Kiste ist, dass sie per Zug ans Meer gefahren ist, den Möwen zusieht, über der weiten, hellen See schaukelt…

16. Nov, obere Kante vom Titelblatt der Lausitzer Rundschau, die drei Topthemen: Karneval-Prinzengala – Demenz – Ina Müller, Moderatorin schafft es bei der ARD ins Abendprogramm
Karneval-Demenz-Talkfrau, unsere Presse ist wahrlich (k)ein Spiegel unseres Zustandes
(der „Erfolg“ ins Abendprogramm der ARD zu kommen ist eine Art lebenslange Harmlos-Bescheinigung, Frau Müller hat ausgesorgt...)

- kein November ohne die Leguangrippe... oder war es Schwein? Rätsel:
Was ist die Gemeinsamkeit von Bin Laden und Schweinegrippe?

(Beide sind Erfindungen von Marketingexperten.)

19. Nov, lese Sächsische Zeitung, Schrecksekunde!!! Ich lese: Der MDR weist für das kommende Jahre Schulden von 33,1 Mio Euro aus. Schüttelfrost durchfährt mich. René Kindermann, Lausitzer der Brisant moderiert, Katrin&Peter, Lausitzer Gesangsduo in ausgeklügelten Volksmusikshows, vorbei!!! Never more! I ever walk alone…
Und keine Dokus mehr: Wie Erich Honecker aufs Klo ging – Warum Margot Honecker zehn Kilometer entfernt ein eigenes Bad wollte – Günter Schabowski, wie er aus dem Fenster sah und dabei einschlief – Egon Krenz. „Die Mauertoten waren unbelehrbare!“
Wer soll das nun senden? Was tun? GEZ anheben?
ERLÖSUNG am Ende des Artikels: Der MDR wird diese Summe aus seinen Rücklagen decken.
Puhhh! Das war knapp.
Andererseits, wenn ich ehrlich bin, mache ich es doch genauso, ich sitze in meinem Büro und Jenny kommt rein:
„Herr Tiffert, wir haben 8 Mio Minus.“
„Ooooooch Jenny, komm mir doch nicht… Jenny, was machen wir denn da!??“
„Weiß nicht.“
„Mein Gott Jenny, bist du heute den ersten Tag hier!… Dann nimm einfach 8 Mio aus den Rücklagen, bitteschön, wenns dir nichts ausmacht…“

Aber wir können aus diesem MDR-Artikel auch eine Lebensweisheit gewinnen: Wenn Euch wiedermal ein Bettler, Zeitungsverkäufer oder Arbeitgeber anbettelt, sagt einfach: Nimm es doch aus den Rücklagen!

Ende Nov: Eine Welle von Krankheitsbekenntnissen rollt durch Deutschland.
Inquisitionskommandos halten Leute auf der Straße an:
„Guten Tag, einen Moment, 20 Sekunden! Sind Sie depressiv?“
„Nein.“
„Wirklich nicht?!!“
„Naa-ein.“
„Denken Sie nach. Immerhin ist depressiv nicht so schlimm wie schwul oder rot.“
„Ich hab nichts.“
„Sicher?“
„Ja, sicher.“
„Ganz sicher?“
„Yoh!“
„Wir können Sie auch mitnehmen. Und Sie wissen was mit Leuten im Knast passiert, die nichts haben!“
„Scheiße... okay, was steht zur Auswahl?“
„Depressiv, schwul oder rot.“
„Ich nehme depressiv.“
„Danke.“
(Noch jemand eine Frage zu Statistiken?)

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