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Reisetagebuch 18./19. November 2011
Ich fahre Zug gen Berlin. Esse dabei Kuchen, habe Kaffee dabei... und in Syrien finden Montagsdemos an jedem Wochentag statt. Es gibt ca. 70 Tote pro Demo. Aber sie machen weiter. in Deutschland wäre sicher nach einem Toten Schluß? Das klingt feige, aber irgendwie auch vernünftig... Die Toten in Syrien gibt es auf drei Seiten: Volk, Armee und Deserteure. Wir brauchen viel mehr Denkmäler für Deserteure. Man kann nämlich nur für etwas leben und nicht für etwas sterben. Wer tot ist, ist schließlich nicht mehr dabei...
Steige, nun in Berlin, vom RE2 in den RE1, Richtung Potsdam. Es steigen viele zu. Setzen sich, schlagen ein Buch auf und beginnen zu lesen. WAS lesen sie? Häufig Bücher aus den Top10 oder Stephen King oder: „Die Hebamme ihr Bruder ist im Dativ Papst“ oder: „Hätten sie Hitler doch auf der Kunstschule genommen!“. Ich werde nicht entscheiden, ob sie das richtige lesen. Zuviele traf ich, die das richtige lasen, aber dennoch Müll redeten oder stumpf an eigenen Wirklichkeiten oder gar am eigenen Kind vorbei lebten... Die richtige Lektüre garantiert gar nichts.
Menschen in Deutschland lesen in Zügen, eine gute Nachricht, ich sah es das ganze Jahr über, in jeder Art von Zug... Pendler im Auto lesen nie. Sie sehen aufs Navi oder geradeaus bzw. hofft man das... Man muß auch lesen: Überall auf Bahnhöfen, auf den Klos, zwischen Zeitungsregalen, in Vitaminbars stehen oder hängen jetzt Werbebildschirme und Werbung von Schlagzeilen durchsetzt... Schlagzeilen sind Schläge ins Gesicht der Information! Ich las: „Kanzlerin will Konsequenzen aus der Mordserie!“ Mensch, denke ich, so mutig und aufrecht ist unsere Kanzlerin, schließlich gibt es keine Gesetze gegen Mordserien, nur für Einzelmorde, wenn der Tote Banker oder Richter war... Berliner Polizisten die Nacht für Nacht gegen Autoanzünder unterwegs waren, hielten einen Mann an und sagten: „Halt Bürger! Wollten Sie etwa eben gerade ein Auto anzünden?“ „Nein, natürlich nicht, ich habe nur gerade den türkischen Fahrer des Autos ermordet.“ „Achso, in Ordnung. Weitermachen!“ So könnte es gewesen sein. (Aber ich hoffe es nicht!)
Auf Rücktour: Ich lese Günter Kunerts „Verspätete Monologe“, kurze Texte, eine halbe oder dreiviertel Seite lang. Lese immer so zwei, bis drei, benötige dann eine Pause... schaue hinaus: von KW bis Lübben verschiedene Kiefernarrangements, oft mehrreihig... ab Lübben Wiesen und Gräben und weite Blicke auf Bussard und Krähe, seltener Kiebitz oder Rabe, Turmfalke... - bei mir zu Hause sah ich letztens eine jagende Kornweihe, die kommt Mitte November aus dem Norden, Skandinavien und bleibt bis Ende Februar, ich hatte mein Fernglas dabei, stand im Schatten einer Eiche, Kornweihe strich silbrig-grau am Graben entlang, weit gen Osten und kehrte, mir nun näher wieder zurück, so nah, daß ich sie hätte abzeichnen können, wundervoll! Ich muß nur 5 min bis dahin laufen und es kostet keinen Eintritt, keinen Vertrag, keinen Decoder... ich muß nur atmen und schauen und sauge mich voll Eleganz...-
Noch im Zug: Ein durchaus älteres Pärchen steigt ein. Sicher Rentenmpfänger. Der Mann trägt eine abgefahrene 70er-Jahre-Goldrandbrille, 80er-Jahrejeans, eine Lederjacke, die in keinem Jahrzehnt Mode war, eine blaugraue Fellmütze und Schuhe mit Bastimitat. Würden ihn Alter und schmale, resignative Lippen nicht von diesem Verdacht befreien, er wäre ein astreiner Hipster! Seiner Begleiterin - seiner Frau? - nennt er bösartig-freundlich die Stationsnamen: „Raddusch.“ „Es reicht!“ ruft die Frau in bitterer Notwehr. „Vetschau.“ „Es ist guu-huuut!“ „Kolkwitz.“ „Nu, halt doch mal die Klappe!“ „Cottbus.“ „Eh, Du bist echt das Letzte!“ Bestimmt haben sie sich auf einer Topf-sucht-Deckelparty kennengelernt. |
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